Lexikon / Encyclopedia / Encíclopedia > Beiträge für das Benutzerlexikon

Fachbeschreibung Geowissenschaft (Zeit-Artikel)

(1/1)

Uwe Kolitsch:
http://ranking.zeit.de/che9/CHE?module=WasIst&do=show&esb=42

Fachbeschreibung Geowissenschaft
Mischa Täubner

Worum geht es?
Eigentlich verwunderlich, dass Goethes Faust auf der Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, zwar Philosophie und Theologie studierte, die Geowissenschaften aber außen vor ließ. Immerhin wollen sie nicht weniger als die Entstehung der Erde und des Lebens erhellen und Prozesse erklären, die Millionen von Jahren zurückliegen. Um herauszufinden, wie die Erde aufgebaut ist oder welche Ursachen Erdbeben und Vulkanausbrüche haben, analysieren Geowissenschaftler Gesteine und erkunden das Erdinnere – etwa mit Hilfe physikalischer und chemischer Methoden. Für die Studenten stehen von Anfang an Naturwissenschaften auf dem Programm.
Wie ist das Studium aufgebaut?
Hinter dem Begriff Geowissenschaften verbergen sich verschiedene Einzeldisziplinen. Dazu gehören vor allem die Geologie (Wie ist die Erde entstanden, wie ist sie aufgebaut? Wie beeinflusst die Witterung die Gesteine?), die Paläontologie (Wie ist Leben entstanden? Was verraten Fossilien über die Lebensweise ausgestorbener Tierarten?), die Mineralogie (Welche chemische Zusammensetzung haben Minerale und Gesteine, wie wurden sie gebildet?) und die Geophysik (Mit welchen physikalischen Methoden erkundet man die Erde? Wie erklärt man Erdbeben? Wie lokalisiert man Erdöllagerstätten?). Manche Hochschulen vereinen alle Disziplinen, andere legen den Schwerpunkt auf ein oder zwei der Gebiete. Die Geografie hingegen ist ein eigenständiger Studiengang. Zwischen Geowissenschaften und Geografie gibt es dennoch inhaltlich einige Berührungspunkte; mit der Klimaentwicklung oder der Veränderung der Erdoberflächenstruktur beispielsweise beschäftigen sich sowohl Geowissenschaften als auch Physische Geografie. In den ersten Semestern des Studienganges erwerben die Studenten ein breites Grundwissen: Aus welchen Gesteinstypen besteht die Erdkruste? Wie laufen geologische Prozesse, etwa die Gebirgsbildung, ab? Welche Erdzeitalter unterscheidet man? Welche Eigenschaften haben Mineralien? Eine wichtige Rolle spielen auch Forschungsmethoden: Die Studenten betrachten Minerale unter dem Mikroskop und lernen geophysikalische Verfahren zur Erkundung des Erdinnern kennen. Einen großen Teil der ersten zwei Studienjahre machen Grundlagenkurse in Naturwissenschaften aus: Physik, Chemie, Mathematik. Liegt der Studienschwerpunkt auf der Entstehung und Entwicklung des Lebens auf der Erde (Paläontologie), gehört auch Biologie zum Pflichtprogramm. Zudem sollen die Studenten mehrere Wochen »im Gelände« verbringen. Sie fahren beispielsweise in den nächsten Steinbruch oder in die Alpen. Dort bestimmen sie durch bloße Betrachtung die Gesteinsverhältnisse: Sind versteinerte Schnecken zu erkennen, was darauf schließen lässt, dass das Gestein einmal als Meeressediment in einem Ozean der Vorzeit entstand?
Im zweiten Studienabschnitt, also ab dem fünften Semester des Bachelorstudiengangs, setzen die Studenten eigene Schwerpunkte. Welche Einzeldisziplinen dabei im Vordergrund stehen, hängt von der Universität ab. Als Wahlfächer werden häufig Disziplinen mit klarer Berufsrelevanz angeboten. Zum Beispiel die Hydrogeologie, die danach fragt, wie sich Grundwasservorräte erschließen lassen, die Ingenieurgeologie, die unter anderem die Eignung des Untergrunds für Brücken- oder Tunnelbau untersucht, und die Umweltgeologie, die sich für Altlasten im Boden interessiert. Die Studenten verbringen viel Zeit im Labor mit chemischen, physikalischen und biologischen Untersuchungen zur Entstehung, Kennzeichnung und Datierung von Gesteinen. Sie sind aber auch im Gelände unterwegs und fertigen Karten an, die Vorkommen und Lagerung der Gesteine abbilden. Bei Kartierungen ergründen die Studenten unter anderem die Geschichte der jeweiligen geologischen Formation: Wie, wann und warum ist beispielsweise ein Gestein, das in rund 20 Kilometer Tiefe verborgen lag, nun an die Oberfläche der norditalienischen Alpen gelangt?
Geowissenschaften allgemein kann man nur an Universitäten studieren. An einigen Fachhochschulen wie etwa der Technischen Fachhochschule Bochum gibt es aber Studiengänge, die spezielle geowissenschaftliche Kenntnisse in Verbindung mit Ingenieurwesen vermitteln – die Studenten lernen, wie man Rohstoffe gewinnt oder Tunnel anlegt.

Neue Entwicklungen
Fast alle Hochschulen haben ihre Studiengänge auf Bachelor und Master umgestellt. Da die Praxis häufig Basiswissen aus verschiedenen Einzeldisziplinen voraussetzt, behandeln die Bachelorstudiengänge, die in der Regel allgemein Geowissenschaften heißen, das gesamte Fächerspektrum. Das Spezialwissen der einzelnen Unterdisziplinen wird gegebenenfalls im Master vertieft. »Rein wissenschaftliche Themen wie beispielsweise die Entwicklung des Erdmantels 1000 Kilometer unter der Oberfläche finden weniger Berücksichtigung«, sagt Wolfgang Rabbel, Professor für Geophysik an der Universität Kiel. Arbeiten über Fachgrenzen hinweg ist im Fach Geoökologie besonders ausgeprägt. Geoökologen beschäftigen sich mit Umweltproblemen wie der Schadstoffbelastung von Grundwasser, Luft und Boden aus dem Blickwinkel der klassischen Geowissenschaften sowie der Geografie und der Biologie. Viele Masterprogramme sehen die Spezialisierung auf eine oder zwei der geowissenschaftlichen Unterdisziplinen vor. Die Universitäten in Tübingen und Bremen beispielsweise bieten die englischsprachigen Masterprogramme Applied Environmental Geoscience beziehungsweise Environmental and Marine Geosciences an. In Tübingen geht es unter anderem um Grundwasserverschmutzung, die Bremer beschäftigen sich mit der Klimaentwicklung und richten den Blick auf Meeresablagerungen und den CO-Gehalt im Ozean. »Ein wichtiges Thema ist zudem die Erkundung natürlicher Ressourcen – nicht zuletzt wegen der aktuellen Debatte um die Energieversorgung der Zukunft«, sagt Hans-Jürgen Gursky, stellvertretender Vorsitzender der Fachkonferenz Geowissenschaften. Insbesondere die Geothermie werde in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen. Schon heute befasst sich der englischsprachige Master Hydrogeology and Environmental Geosciences in Göttingen unter anderem mit der Gewinnung geothermischer Energie. Aber auch andere Ressourcen wie Steine, Erze und Brennstoffe spielen eine zunehmend wichtige Rolle. Bundesweit seien die Hochschulen dabei, entsprechende Masterstudiengänge einzuführen, sagt Gursky. An der RWTH Aachen beispielsweise heißt dieser Master Georessourcenmanagement, an der TU Clausthal Geowissenschaften der Energieträger und Rohstoffe.

Eignung, Hürden, Irrtümer
Dass man für die Geowissenschaften eine gute Portion Chemie, Physik und Mathe braucht, ist den meisten Erstsemestern bewusst. »Über die Menge des naturwissenschaftlichen Grundlagenstoffs, der in den ersten beiden Jahren durchgenommen wird, sind aber doch viele Studenten überrascht«, sagt Gursky. Um die Fachlektüre lesen zu können, benötigt man gute Englischkenntnisse. Für die Arbeit im Gelände ist körperliche Kondition wichtig. Man muss zwar kein Leistungssportler sein, aber gesund und belastbar. Schließlich kommt es vor, dass man über einen längeren Zeitraum in der Wüste, auf einem Schiff oder in der Antarktis arbeitet. Und während der Kartierung in der Prüfungszeit verbringen die Studenten mehrere Wochen allein im Gelände – nicht jedermanns Sache.
Berufsfelder
Der bei weitem größte Teil der Geowissenschaftler arbeitet in Beratungs- und Ingenieurbüros. Als Bodenexperten befassen sich die Absolventen zum Beispiel mit Müllentsorgung und Wasserqualität. Sie erarbeiten Konzepte zur Altlastensanierung oder erschließen natürliche Vorräte von Massenrohstoffen wie Kies, Sand und Salzen. Auch zahlreiche Behörden beschäftigen Geowissenschaftler: Die wichtigste ist die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. Sie berät die Bundesregierung in Sachen Rohstoffgewinnung und im Hinblick auf sogenannte Georisiken wie Erdbeben. Jobs gibt es außerdem bei Umwelt-, Wasser- und Tiefbauämtern sowie den geologischen Landesämtern. Geowissenschaftler arbeiten in der Industrie, etwa in Wasserwerken, Klärwerken, bei Bohrfirmen, Explorationsfirmen (Gewinnung von Gas und Öl) oder als Umweltbeauftragte in Konzernen. Mineralogen werden in rohstoffverarbeitenden Betrieben der Glas-, Keramik- und Baustoffindustrie eingesetzt. Besonders gute Berufsaussichten haben derzeit jene Geowissenschaftler, die sich in einem praxisnahen Studiengang mit der Gewinnung fossiler Energieträger wie Erdöl und Erdgas beschäftigt haben. Konzerne wie Shell, RWE und Exxon beschäftigen solche Experten. Sie finden weltweit Arbeit.
Geoinformatiker sind gefragt. Sie erstellen Datenbanken und geostatistische Programme, mit denen man zum Beispiel den Rohstoffvorrat in einer Region abrufen kann. Sie entwickeln Navigationssysteme, bauen 3-D-Modelle etwa einer Erdöllagerstätte und werten Luft- und Satellitenbilder aus. Geowissenschaftler werden in der Abfallwirtschaft ebenso gebraucht wie in der Fernerkundung der Erde. Schließlich arbeiten sie in naturkundlichen Museen und als Wissenschaftsjournalisten. Wer promovieren und in die Forschung gehen will, kann dies an den Unis und an außeruniversitären Instituten wie dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven oder dem GeoForschungsZentrum Potsdam.

Arbeitsmarkt
Die Zeiten, in denen unter Geowissenschaftlern nahezu Vollbeschäftigung herrschte, sind leider vorbei. Von den Absolventen, die im Jahr 2005 die Hochschulen verließen, schaffte nur gut jeder zweite innerhalb von zwölf Monaten den Einstieg in den Beruf. Das ist das Ergebnis einer Befragung des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Langsam bessert sich die Lage. Immerhin konnte die Bundesagentur für Arbeit allein von 2006 auf 2007 einen Rückgang der Arbeitslosenzahl bei Geowissenschaftlern um ein knappes Drittel verzeichnen; also profitiert auch diese Gruppe vom Aufschwung. Allerdings ist die Zahl der Studienanfänger und damit der künftigen Absolventen in den vergangenen Jahren stark gestiegen; gut möglich, dass in Zukunft noch mehr Bewerber auf eine Stelle kommen. Das Marktsegment ist klein. Kolja Briedis, Arbeitsmarktexperte des HIS, empfiehlt Absolventen daher, sich auch abseits der klassischen Berufsfelder für Geowissenschaftler umzusehen. »Ihre Stärke liegt darin, dass sie naturwissenschaftlich breit aufgestellt sind und damit verschiedene Aufgaben übernehmen können«, sagt der Experte. »Oft haben sie gute Informatikkenntnisse, das ist für viele Arbeitgeber interessant.« Daher wird ein Teil der Geowissenschaftler wohl »fachfremd« unterkommen. Auch der Blick ins Ausland kann sich lohnen.
BÜCHER UND LINKS
Arbeitskreis junge Geologinnen und Geologen der Deutschen Geologischen Gesellschaft (Hrsg.): Geowissenschaften studieren. Voraussetzungen, Studium, Berufsbilder, Jobaussichten; 2002, 44 S. Kostenlose Broschüre, erhältlich unter www.dgg.de
Gerold Wefer (Hrsg.): Geowissenschaften. Alfred-Wegener-Stiftung, 61 S., 1,50 €. Übersicht über die Forschungsgebiete der Geowissenschaften. Die Broschüre kann im Internet bestellt werden unter www.marum.de/marum-Shop.html
Gerold Wefer (Hrsg.): Expedition Erde. Wissenswertes und Spannendes aus den Geowissenschaften; 2., überarb. Aufl.; Marum-Institut Bremen, Bremen 2006; 335 S., 9 € inkl. Porto. Erhältlich bei www.marum.de/marum-Shop.html

www.geoberuf.de/unis.php: Überblick über die deutschsprachigen Studiengänge

Campus-O-Ton Geowissenschaften: Studenten berichten von ihrem Fach


Navigation

[0] Themen-Index

Zur normalen Ansicht wechseln