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Rollmarken von Ammoniten

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triassammler:
Hallo,

ohne besondere Zielsetzung möchte ich mal einen interessanten Fund vorstellen, der mir schon vor längerem in den Plattenkalken von Painten (Oberkimmeridge/Untertithon) geglückt ist: Eine Schichtfläche mit dem Negativ einer Ammonitenrollmarke. Diese kommen zwar in Painten in bestimmten Profilabschnitten sehr häufig vor, das Besondere bei diesem Fund ist jedoch, dass sich der Verursacher einigermaßen eingrenzen lässt und kein ganz alltäglicher Bestandteil der Plattenkalk-Ammonitenfauna ist:

Links oben und rechts unten auf der Platte ist jeweils eine halbmondförmige Doppelreihe von "Dornen" erkennbar, wobei der Abdruck links oben deutlicher ausgeprägt ist. Zwischen beiden Abdrücken liegt eine Schleifmarke undefinierter Form. Leider wurde die Platte nicht aus dem Anstehenden geborgen, aber andere Schleifmarken lassen den Schluss zu, dass die Transportrichtung von links oben nach rechts unten verlief. Auf Grund der Bedornung (und zwar 2 Reihen von Dornen pro Windung, eine auf dem Innen- und eine auf dem Außenbug) ist der verursachende Ammonit in die Gruppe der Aspidoceratidae einzuordnen. Dem Augenschein nach handelte es sich um ein einzelnes Windungsbruchstück und nicht um einen kompletten Phragmokon.

Was auf der Platte abläuft: Nach unbekannter Vorgeschichte landete das Windungsfragment links oben auf der Platte und hinterließ dabei einen deutlichen Abdruck der Dornen. Das Fragment muss leicht genug gewesen sein, um durch die Dornen auf dem Sediment abgestützt zu werden und keinen Abdruck der ganzen Windung zu hinterlassen. Die Lage war strömungstechnisch instabil, die aufgebrochene Dorsalregion zeigte entgegen der Strömung. So konnte das Fragment mit der nächsten Wasserbewegung (Welle?) leicht wieder auf aufgenommen werden, wurde angehoben und danach schräg mit der Externseite über das Sediment abgerollt, so dass sich im nächsten Schritt die Dornen einer Außenbugseite verwischt im Sediment abgedrückt haben. Danach kam das Gehäuse ins Taumeln und hinterließ dabei Schleifmarken des aufgebrochenen Dorsalbereichs, bevor es rechts unten wieder in Seitenlage auf das Sediment fiel und einen erneuten Flankenabdruck mit beiden Dornenreihen hinterließ.

Von anderen Platten ist bekannt, dass noch schwimmfähige, intakte Ammonitengehäuse von Wellen aufgenommen, ein Stück transportiert und dann wieder abgesetzt wurden, bis zur nächsten Welle. Die Wassertiefe war also zuweilen extrem gering, höchstens einige Dezimeter. Gleichzeitig war das Sediment hinreichend zähplastisch, um die Abdrücke gegen weitere Wasserbewegung zu konservieren. Die Anhäufung von Rollmarken auf manchen Schichtflächen zeigt darüber hinaus, dass über längere Zeiträume keine nennenswerte Sedimentation erfolgte.
Von der gleichen Lokalität ist die Laufspur eines kleinen, bipeden Raubdinosauriers bekannt (Zuordnung unbekannt, mit Vorbehalt wird eine Ähnlichkeit mit Compsognathus angenommen), der offenbar das Flachwasser der Lagune durchqueren konnte.
Wie üblich fallen Transport- und Ablagerungsraum der Ammonitengehäuse nicht zusammen; auf den Markenplatten lässt sich kaum einmal ein Gehäuse antreffen. Diese sind an anderer Stelle in Schilllagen angereichert.

Die Platte erzählt also eine Geschichte über die Umweltbedingungen in der Plattenkalklagune von Painten. So etwas finde ich zuweilen interessanter als den Fund eines kompletten Ammoniten  :D

Ein paar Fragen habe ich hierzu aber noch:
- Hat jemand ähnliche Funde in Plattenkalken gemacht, oder ganz allgemein interessante Rollmarken in Plattenkalken gefunden? Würde mich interessieren, was da noch so alles zu beobachten ist.
- Hat jemand ein Bruchstück eines Euaspidoceras, Paraspidoceras oder Aspidoceras abzugeben, das ich der Platte als Vergleichsstück für den Verursacher beigesellen könnte? Ausdrücklich erwünscht ist in diesem Zusammenhang ein Windungsbruchstück, also wäre "Sammlungsabfall" kein Problem. Auch das stratigraphische Alter ist nicht so wichtig.
- Es wäre großartig, wenn jemand eine begründete Vermutung äußern könnte, um welche Gattung es sich beim Verursacher konkret handeln könnte. Vielleicht findet sich ja ein Experte, dem die Anordnung der Dornen etwas sagt?

Gruß,
Triassammler

PS: Sorry für den Gelbstich, mit Weißabgleich geht der Kontrast völlig verloren.

triassammler:
Anbei noch ein Bild einer der "üblichen" Paintener Rollmarkenplatten, fast ausschließlich mit Kielmarken "perisphincter" gerippter Ammoniten, die die vorherrschende Transportrichtung anzeigen.

caliastos:
also diese sohlmarken kenne ich jetzt selber nur aus dem flysch. die dingerlassen sich an sich in jedem sediment finden. müssen nicht mal von ammoniten sein. alles was lose über den meeresboden holpern kann kann groove casts erzeugen. es gibt somit durchaus mehr. schleifspuren von eis, holz, steinen, fossilresten. durchgezogen oder gesprungen. alles was denkbar ist.

Tapir:
Ja. Aber der "Trick" ist, dass sie sich mitunter zuordnen lassen. ;)  [s.o.]

triassammler:
Hallo!

@caliastos: Natürlich gibt es in fast jedem Sediment, das
a) feinkörnig genug ist
b) beweglichen Detritus und Strömung aufweist
c) eine genügend hohe Viskosität zur dauerhaften Erhaltung besitzt
Marken von diversen Verursachern. Im hiesigen Muschelkalk sind es häufig Knochen (habe da sogar eine Platte mit dem zugehörigen Knochen am Ende der Marke), im Keuper sind es oft Holzstückchen. Eben alles, was sich von der Strömung transportieren lässt und und schwer genug ist, auf der jeweiligen Sedimentoberfläche Eindrücke zu hinterlassen. Meistens kann man eben nicht genau sagen, welches Objekt konkret die Marke hinterlassen hat.

Das besondere an den Paintener (und generell an den Plattenkalk-) Sohlmarken ist, dass die Verursacher zum allergrößten Teil Ammonitengehäuse waren und sich auf Grund der ausgzeichneten Erhaltung an manchen Marken sogar der Erzeuger ablesen lässt. Darauf wollte ich eigentlich hinaus. Und dass es gelingt, Platten in solcher Größe zu bergen, dass ausschnittsweise auch komplexere Prozesse der Markenentstehung nachvollzogen werden können. Oder wäre Dir ohne die beiden Flankenabdrücke des Ammonitenfragments klar gewesen, dass auch die Marke in der Mitte von einem Ammonitengehäuse verursacht wurde?
Weiterhin ist in Painten bemerkenswert, dass offensichtlich noch gasgefüllte, intakte und schwimmfähige Phragmokone in Lebendstellung durch das Wasser trieben und nur selten beschädigte Ammonitengehäuse direkt über den Grund geschleift wurden. Das wirft ein Licht darauf, wie einfach Ammonitengehäuse nach dem Tod des Tiers noch schwimmend verdriftet werden können.

Im Flysch dürfte die Transportrichtung von Markenverursachern durch Schlammströme, also gravitativ entsprechend dem paläogeographischen Gefälle, vorgegeben sein, während im Fall Painten Wind (bei Aufsetzmarken, die durch Wellengang verursacht wurden) und beckeninterne Strömungen eine Rolle gespielt haben, also atmosphärische Vorgänge. So lässt sich auf vorherrschende Windrichtungen und damit indirekt auf Aspekte des Paläoklimas schließen. Das ist spannend!

Gruß,
Triassammler

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