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Altersstruktur der Sammler
ger steinn:
Das Nachwuchs-Problem setzt aus meiner Sicht auf mehreren Ebenen und viel grundlegender an.
Zum einen die grundsätzliche heutige Unterpräsenz der Erdwissenschaften bzw. der Naturaliensammelei im Allgemeinen.
Zu meiner Schulzeit (ich bin Jahrgang '79) gab es noch geologische und biologische Schulsammlungen, mein erster Kontakt mit der Materie. Aber selbst damals wurden die geologischen Stücke kaum in den Unterricht eingebunden – sie waren schlicht nicht mehr im Lehrplan. Wenigstens im Biologieunterricht sind wir noch raus gegangen und haben selbst Blätter und Pflanzen gesammelt und präpariert/archiviert. Gibt es das heut noch?
Zudem kommen im öffentlichen Leben und in den Medien Mineralogie/Geologie thematisch quasi nicht vor. Archäologie und Paläontologie okay, aber "Steine sammeln" - das muss ich fast immer grundsätzlich erklären und die meisten verstehen's trotzdem nicht.
Also wie soll dann ein Grundinteresse an der Materie, aus der eine Sammelleidenschaft erst wachsen kann, entstehen?
Wenn, dann nur durch persönliche Kontakte und schnelle Sammelerfolge. Da sind wir schon bei dem Punkt, den Gerhard bereits angesprochen hat. Besteht ein Grundinteresse, dann erwarten Anfänger schnelle und möglichst attraktive Funde, doch wo gibt es die noch, selbst bei fachkundiger Führung? Und wo darf man überhaupt noch legal sammeln, wenn in Steinbrüchen Kameras installiert werden und selbst auf Althalden der Wachschutz patrolliert?! Der Rückgang der Fundstellen und Fundqualitäten dünnt schon die Zahl der langjährigen Sammler im Feld aus, wie frustrierend muss es dann erst für einen Anfänger sein und da spreche ich aus eigener Erfahrung? Strapazen werden für andere Outdoor-Aktivitäten auch auf sich genommen. Aber beim Klettern, Wandern oder Geocaching ist das Erfolgserlebnis eher garantiert, genau wie die gesellschaftliche Anerkennung.
Zudem, und da sind wir wieder bei der Generation Iphone, leben wir in einer Zeit rapide zunehmender Virtualisierung. Musik, Bilder, Videos, Bücher (bis hin zu Sozialkontakten), alles passt auf winzigste Datenträger mobiler Endgeräte, keiner braucht es sich mehr materiell zuzulegen. Der Bezug zum „Greifbaren“ schwindet, Dateien in Terra Byte Größe anhäufen ist ganz normal, aber eine Sammlung von hunderten/Tausenden Tonträgern, Büchern oder eben Mineralien – anachronistisch.
Selbst von älteren Bekannten, Kollegen, Freunden höre ich oft – „Wo willste nur hin mit dem ganzen Zeug“? Sammelgut wird als Belastung empfunden, nicht als Bereicherung des Lebens. Klar, wenn man schon in jungen Jahren unter Stress und Reizüberflutung leidet, zudem später vielleicht beruflich aller zwei Jahre umziehen muss, wo bleiben da noch Raum und Muse für dieses "unzeitgemäße Hobby"?!
Meine (bewußt provokante) Prognose: in 20-30 Jahren kommen Börsen und selbst der Internet-Handel zum erliegen, in spätestens 50 Jahren sind wir Mineraliensammler ausgestorben.
Frank de Wit:
Karsten, was du jetzt beschreibst, war für mich anfang november Anlass, an zu fangen ein kleines "essay" zu schreiben,
und jetzt hier ein bischen an Daten und Meinungen zu sammeln: meine Gedanken zu prüfen an die Gedanken von euch.
Gut: mein 'essay' ist am moment in English geschrieben ; Stefan hat's schon gelesen, muss dann noch mal auf Deutsch übersetzt werden.
Mit meine schlechte Deutschgrammatik, kann ich das am besten nicht selbst tun.
Nochmals, danke alle bis jetzt für eure Meinungen und Gedanken, und bitte, schreib weiter und stimm ab !
Zusammen finden wir vielleicht auch Lösungsrichtungen...
cmd.powell:
Moin
Zum Thema Mineralien im Studium kann ich auch noch einiges sagen: Zu meinen Studienzeiten gab es noch Mineralogie als eigenständigen Diplomlehrgang. Es war üblich, bei dem Kurs "Einführung in die Kristallographie" passende Mineralien aus der Uni-Sammlung zu zeigen, was bei mir letztlich des Mineraliensammeln ausgelöst hat. Auch einige Kommiliton(in)en habe nebenbei den einen oder anderen Stein eingesammelt, wirkliche Begeisterung habe nur ich entwickelt (was nicht nur für meinen Jahrgang, sondern für etliche Jahrgänge davor gilt, kurz, eine echte Ausnahmeerscheinung). Kurz vor meinem Diplom wurden dann die Lehrgänge Geologie, Kristallographie und Petrologie zu Geowissenschaften zusammengefasst. Im Zuge der Zusammenfassung wurden einige Lehrgänge gestrichen bzw. stark eingedampft, vorzugsweise bei der Kristallographie, so das in den Vorlesungen aus Zeitgründen gar keine Handstücke mehr gezeigt werden können! Wenn man schon in den entsprechenden Studiengängen durch straffe Organisation (was ansich ja nicht schlecht ist) von der eigentlichen Forschungsmaterie abgeschirmt wird, wundert es nicht, das aus diesem Bereich kaum Sammelbegeisterte kommen.
Aber auch in der "guten alten Zeit" waren echte Sammler an der Uni Hannover selten. Falls alle meiner Kommilitonen haben im "Klötzchenkurs" nicht die Eigenschaften der Minerale gelernt, sondern sich die Positionen der Proben in der Kiste gemerkt. Blöd nur, das sich die Professoren in den Prüfungen gerne mal andere Stücke aus der Sammlung genommen haben, da kam so mancher "GPS'ler" ins schleudern...
Dabei kann man nicht behaupten, die Dozenten wären den Sammlern gegenüber nicht aufgeschlossen (Achtung: Doppelte Verneinung), ganz im Gegenteil: Prof. Eberhardt bzw. jetzt Prof. Buhl freuen sich über jeden, der "wahre" Begeisterung für die Materie mit bringt.
Was soll man auch von einer Gesellschaft erwarten, die als Werte vermittelt, das Menschen, die sich allgemein für Naturwissenschaften und/oder Technik interessieren, als "Nerds" bezeichnet werden. Typen, über die sich in billigen US-Serien lustig gemacht wird und die nie eine Frau ins Bett bekommen. Dafür werden als erstrebenswert Finanzjongleure oder Fußballer empor gehoben und zu Preisen gehandelt, bei denen ich innerhalb eines Jahres mindestens DAS Mittel gegen Krebs bzw. die Vereinigung von Quantentheorie und Relativitätstheorie erwarten würde. Und in so einem Umfeld sich tatsächlich noch selber die Finger dreckig zu machen und sich für Dinge zu interessieren, die wohl die soziale Stellung eines jeden Heranwachsenden negativ beeinflusst, gebührt meines höchsten Respekts und Anerkennung und ich kann nur jedem Mut zusprechen, diesen Weg zu gehen. Auch wenn man vielleicht nie so gut bezahlt wird wie Bänker oder Fußballer, so sind die "Nerds" von heute genau die Menschen, die unsere Gesellschaft in der Zukunft nach vorne bringen werden. Schade nur, das dieses Bild, diese Wahrheit, in unserer Gesellschaft nicht auch so vermittelt wird.
Soviel aus meiner Sicht zum Thema: Warum sterben die Sammler aus (sofern sie das wirklich tun).
Nathan:
Hallo,
ich nochmal. ;D
Wenn meine Freunde zu mir kommen und zum 1. mal mein Zimmer betreten, ist die erste Reaktion immer: WOW was ist das denn. Doch selber anfangen...ach naja... Dabei muss ich noch anmerken, dass ich inkl. Freunde von einem nat. Gymnasium sind, also das wissenschaftliche Interesse schon gegeben ist. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie die "Begeisterung" bei Schülern anderer Schulen ausfällt.
Was ich noch anmerken muss: nicht nur, dass es kaum noch lohnenswerte Fundstellen gibt, die dann noch an ein "Kind" weitergegeben werden. Das finde ich sehr schade, denn wer soll das Wissen sonst bewahren?
Sondern auch Literatur ist nur schwer zu bekommen. Ich konnte zwar den Rösler in der 5. Aufl. erstehen, doch beim Ramdohr reichte es nur für ein zerfledertes Buch der 1. Auflage von 1950 gereicht (daher auch mein Aufruf im MA ;) ). Für Jugendliche ist es kaum noch möglich an Fachbücher zu kommen, da diese meist nich vor meiner Geburt nicht mehr verlegt wurden. Das erschwert auch die Aneignung des Wissens. Natürlich könnte ich in die Bibliothek gehen und es dort lesen. Aber ich fahre doch nicht immer 1 h. Es im Schrank stehen zu haben und jeder Zeit darin Blättern zu können, ist viel schöner.
Bei Bio/Chemie Fachbüchern ist das einfacher. Diese gibt es zu Scharen. Das ist natürlich dem deutlich größeren Interesse geschuldet. Schade... :P
Vom Thema Mineralogie Studium habe ich mich gänzlich verabschiedet. Da gehe ich lieber in die Chemie. Denn die ist ja mein zweites Hobby. Ach ja das Studium... Als ich gehört habe, dass man sich den Studienplatz auch mit nem NC von Schlag-mich-Tod bekommen kann, wenn das nötige Kleingeld stimmt, habe ich eh den Glauben an die Vernunft des Menschen quasi gänzlich verloren. Aber was willste machen?
Naja so viel vorerst.
Grüße und viel Glück beim Essay!
Philipp
PS: und ja ich bin auch aus dieser ominösen "iPhone-Gesellschaft" ;D. Wobei ich sagen muss, das dadurch die Bestimmung und Recherche deutlich erleichtert wird.
Frank de Wit:
Ps, mein Thema war/ist nicht: "sterben die Sammler aus", aber die Frage verstehe ich.
Zu dieser Frage: ja, wir alte Mineraliensammler sterben langsam aus, und es komme Jungere dazu,
was mich aber interessiert (ich bin Baujahr 1970) ist: wieviel junge Mineraliensammler gab es früher, und gibt es jetzt dann weniger junge Mineraliensammler?
Ich mache mal Unterschied zwischen Sammler, und Mineraliensammler jetzt.
Wenn ich nach meine Jugendzeit zuruck fliege, dann hat (fast) jeder in meiner Jugendzeit etwas gesammelt. Briefmarken, Fussballkarten, Streichholzdosen, was auch immer, aber, etwas. Ich habe das Gefühl, bitte korrigiere mich, das im allgemeinen aber viel weniger gesammelt wird. Vielleicht sammelt man heutzutage vor allem "Status"?
(edit, Philipp, wenn du pdf literatur brauchst, ich habe einiges...)
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