Mineralienatlas - Fossilienatlas

Mineralien / Minerals / Minerales => Allg. Diskussionen Mineralien / General discussions minerals => Thema gestartet von: Helicat135 am 10 Jun 08, 13:51

Titel: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: Helicat135 am 10 Jun 08, 13:51
Hallo,

ich bin gerade auf eine Frage gestossen:

wachsen alle Kristalle heutzutage auch noch, oder wurden sie einst durch andere Einflüsse gebildet und "sterben aus"?

Die meisten sind ja durch vulkanische Aktivität entstanden, aebr früher gab es nun mal mehr Vulkane als heute...

Bilden sich, zB. in den Alpen denn aktuell noch Quarze in solcher Größe, wie man sie kennt?

Und ist abzusehen, dass mehr und mehr Gebiete "abgesammelt" werden?

Danke!
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: smoeller am 10 Jun 08, 14:30
Hallo,

Salz- und Gipskristalle können sehr schnell wachsen, so dass teilweise innerhalb eines Jahres neue Kristalle nachwachsen. Voraussetzungen: Hohlraum und gesättigte Lösung. Auch viele Sekundärmineralien wachsen auf Halden, die gegebenenfalls erst wenige Jahrhunderte oder sogar Jahrzehnte alt sind.

Im Himalaya ist die Metamorphose noch nicht abgeschlossen, da kommt es immer noch zur Bildung. Ebenso dürfte es in den Tiefen der Alpen aussehen. Durch rasche Erosion (bis zu cm im Jahr, mehr durch Felsstürze) wird zudem im Hochgebirge immer wieder etwas neues freigelegt.

Auch Tropfsteine und Sinter wachsen immer noch.

Jedoch wachsen die Kristalle, die wir in den Sammlungen haben oder die an der Oberfläche liegen nicht mehr. Ausser, es kommt zur Umwandlung (Pyrit in Copiapit oder ähnliches). Dann aber wachsen aus den Kristallen neue Minerale.

Das Wachstum hängt immer von Druck, Temperatur, Lösungszusammensetzung und -Angebot und Diffusionsrate ab. Je verdünnter die Lösung und je geringer die Diffusion, desto langsamer das Wachstum. Auch die Temperatur bestimmt entscheidend das Wachstum. Viele Kristalle wachsen bei höherer Temperatur (bei gleichem Stoffangebot) schneller.

Glück Auf!
Smoeller
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: caliastos am 10 Jun 08, 15:35
also ich versuch das mit einer ganz billigen antwort zu beantworten:

natürlich wachsen kristalle weiterhin. warum sollten sie denn nicht?

die meisten kristalle sind eben nicht durch vulkanische aktivität entstanden. nimm granite, die unter der oberfläche erstarrt sind. vulkanite sind das sicher nicht, bestehen aber aus millarden von kristallen.

sie wachsen auch nicht ausschließlich in hohlraumen.

kristalle wachsen zu jeder zeit, überall und an sich in jeder tiefe oder höhe. sei es magmenkristallisation, metamorphose, diagenese, fällung aus gas, wasser, schmelze, kapillare verdunstung, hydrothermal usw.

die größe hängt nur von der zeit ab, die ein kristall zum wachsen hat und von der stoffzu- abfuhr.

natürlich erfolgt dies meist eher in millionen von jahren. so scheint es, daß es weniger kristalle gibt. ist aber ein trugschluß, zumal du an sich kein krstallfreies gestein finden wirst.
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: uwe am 10 Jun 08, 16:28
So lange es auf der Erde noch Plattentektonik und Vulkanismus gibt, werden wohl auch noch pneumatolytische und hydrothermale Prozesse ablaufen. In einigen 100 Mio. Jahren werden dann die in der jetzigen Zeit entstandenen Kristalle auch in Oberflächennahe Zonen gelangen. Allerdings wird es dann wohl keine Menschen mehr geben, welche diese sammlen.

Gruß
Uwe
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: aca am 11 Jun 08, 01:15
Hallo,

nur noch mal was zu den "abgesammelten Alpen" und den alpinen Quarzen..

Es gibt in den Alpen zwar auch die typischen Erz- und Minerallagerstätten,
die einen begrenzten Umfang haben und deshalb irgendwann ausgebeutet sind.

Aber die Klüfte, aus denen z.B. die Bergkristalle stammen, gehören nicht dazu.
Die Klüfte bilden sich, weil Gesteine im grossen Massstab bei hohen Temperaturen
gefaltet werden.
Das geschieht in grosser Tiefe und irgendwann nach ein paar Millionen Jahren
(etwa 10-20 Millionen Jahre in den Alpen) legt sie die Erosion frei.

Dann kommen Strahler und beuten aus, was an der Oberfläche auftaucht.
Und natürlich sind diese Bereiche mit "offenen Klüften" schnell abgesucht.
Aber ein Berg, an dessen Oberfläche man Klüfte findet, enthält
auch im inneren noch viele Klüfte (die Gesteine wurden ja komplett gefaltet),
die die Erosion noch nicht freigelegt hat.
Nur kommt man eben nicht so leicht ran, wenn sie mehr als 1-2 Meter im Berg stecken.
Das an der Oberfläche ist nur die Spitze des Eisberges.
Bergkristalle wird man in den Alpen so lange finden, bis die Alpen komplett
eingeebnet sind.

Deshalb suchen einige Berufsstrahler in einem Gebiet mir hoher Kluftdichte auch
ganz anders als Hobbysammler: sie "schälen" den Berg über viele Jahre Schicht für Schicht,
um Klüfte in der Tiefe freizulegen.

Die Hauptphase der Gebirgsbildung ist in den "beiden" Alpen schon vorbei, und
damit auch die Hochzeit der Kluftbildungen: die Ostalpen wachsen nicht mehr,
die Westalpen nur noch langsam.

Die Kristalle wachsen aber nicht nur, während die Klüfte aufreissen, sondern auch
oder vielleicht sogar hauptsächlich, wenn die Gesteine mit den Klüften sich
langsam der Oberfläche nähern und Druck und Temperatur
(und damit auch die Löslichkeit der Minerale) sinken:

Während der Erosion eines Gebirges wird viel Material aus den Bergen entfernt,
das vorher mit seinem Gewicht die Gesteine nach unten gedrückt hat.
Das heisst, während die Alpen eingeebnet werden, tauchen langsam tiefere Schichten
auf und Druck und Temperatur in ihren Klüften sinken auch. 
Es wachsen also wahrscheinlich auch noch Kristalle, wenn das Gebirge
gar nicht mehr gefaltet, sondern nur noch abgetragen wird.
Nur nicht mehr so viele wie in der Zeit der Gebirgsbildung, als aktiv Gestein verbogen
und hochgedrückt wurde.

Alle Kristalle wachsen, allgemein gesprochen, nur dann, wenn sich äussere Bedingungen
(Druck, Temperatur, Lösungschemie etc.) ändern.
Ändern sich die Bedingungen schnell, dann wachsen die Kristalle schnell
(oder lösen sich schnell auf).
Ändern sie sich langsam (z.B. im Rahmen der Gebirgsbildung in den Alpen),
wachsen auch die Kristalle langsam.

Gruss
Amir
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: Blackminer am 19 Jun 08, 15:00
Hi Leute!
Natürlich wachsen Kristalle noch heute!
Hab heute grade eine Magnetitstufe aus den Anden in Händen gehabt. Die war vielleicht 1000 Jahre alt, oder noch jünger, und hatte Kristalle über 1cm Kantenlänge. Der Professor der das Zeug gesammelt hat, hat das Stück als Magnetitlava angesprochen. Der Vulkan ist noch aktiv! Also dürften auch weiterhin Magnetitkristalle aus dem Schlot "purzeln".
Und was ist mit den "Black Smokern"? Da fallen auch Pyrit-, Galenit- und Spalerit- Kristalle aus.

Zum Schluss noch was nicht so ernst gemeintes! Wenn heute keine Kristalle mehr wachsen würden, hätten wir nicht mit Gallen-, Nieren-, oder Blasensteinen zu kämpfen.
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: triassammler am 19 Jun 08, 19:23
Hallo Blackminer!

Du beziehst Dich sicher auf die Magnetit-Apatit-Lava vom Vulkan El Laco, der liegt in Nord-Chile bei San Pedro de Atacama und ist m. W. die einzige von zahlreichen Magnetit-Lagerstätten in den Anden, die auf einen heute noch aktiven Vulkan zurückgeht. Letzter Ausbruch des El Laco war irgendwann in den 1970ern, soweit ich mich erinnere. Allerdings sind die Magnetitlaven bedeutend älter, sie wurden im Pliozän gefördert. Scheinbar herrschte nur zu dieser Zeit in der Magmenkammer ein entsprechender Chemismus. Ansonsten fördert der El Laco hauptsächlich Andesit. Die Phase der Magnetitförderung war ziemlich gewalttätig, wie dicke Lagen von Erz-Pyroklastika an den Vulkanhängen belegen.
Diesen Magnetitstufen vom Altiplano sieht man ihr Alter nicht an, wegen des extrem trockenen Klimas und der dünnen, sauerstoffarmen Luft (ca. 5000 m NN) zeigen sich an den Kristallen auch nach 2 Millionen Jahren an der Erdoberfläche kaum Korrosionsspuren. Steht man auf dem Lavafeld sieht es beinahe so aus als sei erst gestern alles zu Tage gekommen. Dafür kommt man beim Zerlegen der Blöcke ganz schön ins Hecheln  ;D

Allgemein kann man sagen, dass Kristalle so lange weiterwachsen, bis sie aus dem wachstumsbegünstigenden Milieu (übersättige Schmelze bzw. Lösung) entfernt werden. Was das "Nachkommen" neuer Kristalle angeht - an Fundstellen, die zu Tage liegen, sind Kristalle aus ihrem Bildungsmilieu grundsätzlich entfernt, eine stetes Neuwachstum findet hier nicht mehr statt. Ausnahmen sind Minerale, die sich unter Oberflächenbedingungen - normaler Atmosphärendruck, Oberflächen- bzw. Grundwasser - bilden können, also z. B.  Aragonit, Calcit, Gips und diverse Salze. Aber alles, was höhere Drücke und/oder Temperaturen zur Bildung erfordert (z. B. die allermeisten Silikate, Erze, etc.) wächst nicht mehr weiter, wenn es an der Oberfläche zu liegen kommt.

Gruß,
Triassammler
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: caliastos am 19 Jun 08, 19:28
ich mach es nochmal kurz und sage: kristalle wachsen überall. sei es tief in der erde, der kruste, in bioorganismen, der atmosphäre oder direkt auf der erdoberfläche (um auf der erde zu bleiben).
der einzige unterschied ist nur die größe, da diese sich erst nach meist vielen jahren einstellt, wenn wir übersättigten lösungen stammende, schnellwachsende kristalle ausschließen
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: Findus am 20 Jun 08, 10:13
Hallo zusammen,
was das Wachstum von Kristallen anbelangt, habe ich ein paar Beispiele:
Ich habe den Versuch unternommen, eine Feuersetzparagenese selbst "herzustellen", dabe kam ein verblüffendes Ergebniss heraus.
Die Kristalle sind zwei Jahre alt, die Bildgröße schwankt zw. zwei und vier mm.

Grüße,
Bernd
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: Findus am 20 Jun 08, 10:16
....weitere Bilder
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: uwe am 20 Jun 08, 11:17
Hallo Bernd,

ein faszinierendes Ergebnis hast Du da erreicht. Laß mal hören, was Du angestellt hast bzw. wie Du an den Versuch heran gegangen bist (Grundgestein, Brenndauer des Holzes, Abkühlmedium usw.).

Gruß
Uwe
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: Goldi85 am 20 Jun 08, 17:53
Hallo,

Wirklich interessantes Experiment. Hast du eine Ahnung, was das nun für Kristalle sind?

Gruß  Daniel
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: smoeller am 20 Jun 08, 17:58
Hallo,

Sehr interessant. Ein paar Fakten wären nicht schlecht. Würde ich gern mal ausprobieren.

Das rote könnte Lithargit sein, das farblose Lanarkit.

Glück Auf!
Smoeller
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: Findus am 22 Jun 08, 11:40
Hallo zusammen,
um was es sich dabei handelt, ist noch nicht bekannt. Wenn die Ergebnisse vorliegen, werde ich, auch aus früheren Versuchen, einige Zeilen dazu schreiben.
Da  zwischenzeitlich auch neue Ideen dazugekommen sind, werde ich die Versuche fortsetzen, vor allem, was das umgebende Medium der erhitzten Stücke anbelangt. Ich habe da so eine Idee, was im vorliegenden Fall günstiger für die Bildung von Sekundärmineralien war, möchte dies jedoch nochmal nachvollziehen können, um nicht eine "Eintagsfliege" daraus zu machen. Danach lassen sich vielleicht auch bislang noch fragliche Entstehungstheorien von bestimmten Sekundärmineralien - z.B. Elyit aus der Clara, besser erklären.
>Leider sind diese Versuche zeitintensiv. :-\ :-\

Also bitte noch etwas Geduld. ::) ::)

Grüße,
Bernd ;)
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: Blackminer am 22 Jun 08, 23:55
Hi Triassammler!
Ja, die Magnetite stammten von dort. Das das Material aus dem Pliozän ist, wusste ich nicht.
Pliozän war doch geologisch gesehen erst vorgestern.
Die Stücke stammten von einer Exkursion 2007.

Die Chilenen "fahren" da z.Z. ein Erkundungsprogramm.
Eigentlich hat der Prof. die Stücke nur mitgebracht, da so etwas in der Lagerstättensammlung fehlt.

Glück auf!
Titel: Re: Enstehen Kristalle heute noch oder sterben sie aus?
Beitrag von: triassammler am 23 Jun 08, 14:24
Hallo Blackminer!

Ich war 2002 dort, schon zu der Zeit war die Exploration dort im Gange und man hatte einige Probeschürfe angelegt. Wie "ernsthaft" das betrieben wird sieht man daran, dass gerade mal zwei Hansel in einer kleinen Hütte am Fuß des Vulkans zur Bewachung abgestellt waren, ansonsten war tote Hose.
Uns wurde gesagt, dass bislang vor allem die Höhe einem Abbau im Wege steht. Es ist schwierig, Fahrzeugmotoren zu betreiben, und auch für Menschen geht es an den Rand der Leistungsfähigkeit. Bei unserer Ankunft dort an der Hütte wurden wir erst einmal gefragt, ob jemand Sauerstoff brauche, bevor es noch höher zum Explorationsfeld ginge... Auch ist die Frage noch ungeklärt, wie man mit dem Erz verfährt. Aus Kostengründen sind es die Chilenen gewohnt, Erz an Ort und Stelle zu verhütten und erst den raffinierten Rohstoff per Bahn an die Küste zu verschicken. Davon abgesehen, dass die nächste Bahnstation über 100 km entfernt in Calama ist, ist es unmöglich, auf 5000 m NN noch Verhüttungsanlagen zu betreiben.

Am faszinierendsten fand ich die großen Magnetitkristalle, die die Exhalationsröhren in der Lavamasse ausgekleidet haben, das ist schon eine Besonderheit!

Glück Auf!