Mineralienatlas - Fossilienatlas
Mineralien / Minerals / Minerales => Allg. Diskussionen Mineralien / General discussions minerals => Thema gestartet von: harzgeist am 12 Jul 14, 15:32
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Dieser Beitrag soll helfen, einen weit verbreiteten Irrtum aufzuklären, der sich auch hier im Mineralienatlas wiederfindet und dazu beitragen, Fehlbestimmungen zu vermeiden bzw. zu korrigieren.
Bekanntlich erwies sich "Heteromorphit" aus Wolfsberg (wenigstens teilweise) als Dadsonit, was der Jost-Christian-Zeche über hundert Jahre nach deren Schließung den Ruhm einbrachte, Typlokalität für Dadsonit zu sein. Berühmt sind auch prachtvolle "Heteromorphit"-Stufen aus Pribram, dort und in vielen anderen Museen zu bewundern.
Andererseits ist den mineralogischen Daten für Heteromorphit zu entnehmen, dass er der Plagionit-Gruppe zusammen mit diesem sowie Fülöppit und Semseyit angehört, welche allesamt keine nadeligen oder sogar haarförmigen Kristalle bilden. Auf der Seite von mindat.org (http://www.mindat.org/min-1886.html) steht sogar explizit "Not a feather ore!!!" (Kein Federerz!!!). Weiter findet sich dort die Anmerkung dass Federerze (Jamesonit, Boulangerit usw.) oft fälschlich als Heteromorphit deklariert sind, sowie eine Diskussion zu Heteromorphit:
http://www.mindat.org/forum.php?read,7,158675,158759#msg-158759
Hieraus resultiert ein offensichtlicher Widerspruch (Dadsonit zählt unzweifelhaft zu den Federerzen!) der Anlass war, in der Originalveröffentlichung nachzulesen: "Beiträge zur Kenntnis von Mineralien des Harzes; von C. Zincken & C. Rammelsberg", erschienen in Poggendorffs Annalen der Physik und Chemie Band 77 von 1849 auf Seite 240 ff.
Download des gesamten Bandes als PDF oder online zu lesen ist hier möglich:
http://books.google.de/books/download/Annalen_der_Physik_und_Chemie.pdf?id=NgsAAAAAMAAJ&hl=de&capid=AFLRE72zjlsl4-j98ozXQr1-aNixl23buyN_gFnfHew8JxgHDQMGrJa3kIoB8tJyd2guL10Njl96prWM1Cosdd4A84EVCaYnGg&
Während man in früheren Zeiten davon ausging, dass die Bleispießglanze Spielarten vom Antimonit seien, unterschieden die Autoren bereits sehr genau zwischen ZINCKENIT, BOULANGERIT, PLAGIONIT, JAMESONIT und FEDERERZ. Der Begriff "Federerz" wird von den Autoren nicht, wie heute üblich, als Sammelbezeichnung für die faserigen Bleispießglanze verwendet, sondern bezeichnet eine ganz bestimmte Mineralart, die Blei und Antimon im Verhältnis 1:1 enthält, was erstaunlich genau dem DADSONIT (23:25) entspricht. Der dieser war also bereits damals als Mineral unter der Bezeichnung FEDERERZ bekannt.
Die Entdeckung weiteren, dichten Materials mit der (vermeintlich) identischen Zusammensetzung (Pb:Sb ~ 1:1) führte zu der Annahme, dass die selbe chemische Verbindung in zwei verschiedenen Formen auftritt: faserig, wie bisher als Federerz bekannt und dicht ("amorph"), wie nun entdeckt. Daher auch der Name: Heteromorphit bedeutet "anders geformt".
In der Originalveröffentlichung heißt es:
"... Aber der Name Federerz, welcher sich bloß auf eine besondere Varietät bezieht, kann hiernach nicht mehr für die Gattung bleiben; wir haben sie daher Heteromorphit genannt, und bezeichnen das bisherige Federerz als haarförmigen, die neue Varietät aber als dichten Heteromorphit."
Dieser entscheidende Satz führte zu der bis heute andauernden Verwirrung. Denn die Autoren konnten nicht ahnen, dass es sich nicht um zwei Varietäten des gleichen Minerals sondern um zwei verschiedene Minerale handelte, die nun beide als Heteromorphit bezeichnet wurden und nur durch das vorangestellte Adjektiv "haarförmig" bzw. "dicht" unterschieden wurden.
Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im Jahr 1849 kam der wirkliche ("dichte") Heteromorphit in Wolfsberg nur derb vor. Da die Grube bereits 12 Jahre später (1861) geschlossen wurde, kann bezweifelt werden, dass von Wolfsberg überhaupt Heteromorphit-KRISTALLE bekannt geworden sind.
Über die Eigenschaften schrieben die Autoren:
"Härte etwas größer als die des Kalkspaths (3,1). Spec.Gew.= 5,6788 (R.). Structur amorph.; Bruch feinkörnig ins Ebene; in sehr derben Stücken Neigung zu schiefriger Absonderung. Farbe bleigrau, Strich stark metallisch glänzend; mit Spiegeln und gerieften Rutschflächen vorkommend. Krystalle von mehr oder weniger zersetztem Braunkalk, oder auch nur Abdrücke derselben kommen darin vor."
Später wurde auch bei Arnsberg ein Erz mit gleicher Zusammensetzung entdeckt, das hier jedoch auch Kristalle bildete und als Heteromorphit benannt wurde. Hierbei handelt es sich um den Heteromorphit im heutigen Sinne, weshalb Arnsberg als Typlokalität gilt.
Ob es sich bei dem von Zincken und Rammelsberg aus Wolfsberg beschriebenen "dichten Heteromorphit" tatsächlich um dieses Mineral oder lediglich um derben Dadsonit handelte, bleibt unklar. Die in der Veröffentlichung zu findende Bemerkung, dass zwischen dem haarförmigen und dem dichten Erz "nachweisbare Übergänge stattfinden", spricht für das letztere. Andererseits könnte die Beschreibung auch auf ein Derberz aus der Plagionit-Gruppe zutreffen.
Der Hinweis auf den "stark metallisch glänzenden Strich" sollte Beachtung verdienen und könnte helfen, diese Frage zu klären, falls solches Material mit heutigen Methoden (XRD) analysiert würde.
Dennoch ist das Vorkommen von Heteromorphit in Wolfsberg gesichert: Er konnte in neuerer Zeit auf einer Plagionit-Stufe in Verwachsung mit jenem nachgewiesen werden.
Weitere umfangreiche Details und Literaturhinweise zu diesem Thema sind auf der Website von Thomas Witzke zu finden:
http://tw.strahlen.org/typloc/heteromorphit.html
Wahrscheinlich gehören auch historische Stufen von Heteromorphit (nicht nur aus Wolfsberg) zu den extremen Seltenheiten, da bis zur Entdeckung des Dadsonits (mehr als 100 Jahre !) die Annahme galt, dass es eine haarförmige UND eine derbe Varietät des Heteromorphits gäbe. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass die attraktive haarförmige Varietät als Sammlungsobjekt weitaus mehr Beachtung fand als die dichte bzw. unscheinbar kristallisierte Abart des vermeintlich gleichen Erzes.
Abschließend noch einige aus der oben erwähnten Diskussion entnommene Hinweise:
Die Analyse von vielen "nadeligen Heteromorphiten" aus Pribram, deutschen und rumänischen Fundorten ergab in fast allen Fällen Boulangerit (Pribram !), einmal Jamesonit und einmal Dadsonit (von Wolfsberg, wen wundert's!).
Die Kristalle des "echten" Heteromorphits werden als blockig, langgezogene Pyramiden, dem Arsenkies ähnlich, beschrieben - und sehr klein.
Fazit: Der nadelige Heteromorphit ist keiner !!!
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Danke für diesen interessanten Hinweis!
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Erstmal danke Andreas, für Deine Antwort. Die zeigt mir, dass ich mit meinem bisherigen Irrtum nicht allein da stehe, mich damit aber in bester Gesellschaft befinde, wie nicht nur Dein Bild zum Heteromorphit hier im Mineralienatlas beweist, sondern auch die anderen: KEIN EINZIGES zeigt wirklich Heteromorphit!
Es stellt sich nun natürlich die Frage, was mit diesen Bildern jetzt geschehen sollte. Löschen ?? Ich meine nein. ABER mit einem karen Hinweis darauf, dass es sich bei dem gezeigten Federerz EBEN NICHT um Heteromorphit handelt, sondern wahrscheinlich um ... (je nach Fundort Boulangerit, Jamesonit, Dadsonit usw.). Dadurch würde wenigstens darauf hingewiesen, wie Heteromorphit NICHT aussieht. Soweit meine persönliche Meinung - nur ein Diskussionsvorschlag.
Eventuell lassen sich ja auch Bilder, die wirklichen Heteromorphit zeigen (bei Mindat sind das gerade mal ganze neun ! ) hier in das Lexikon einfügen, weiß aber nicht wie das mit dem Copyright aussieht. Sollte aber möglich sein, denn einige Bilder zum Heteromorphit sind bereits jetzt als "second hand" im Lexikon, zeigen wie gesagt aber ein anderes Mineral.
Kürzlich fiel mir per Zufall eine Überschrift in [Otto Luedecke: Die Minerale des Harzes] auf, die nicht gerade zur Klärung dieses Themas beiträgt, sondern im Gegenteil zusätzliche Fragen aufwirft. Dieser Klassiker der Harzmineralogie ist als stream hier zu lesen:
https://archive.org/stream/diemineraledesh00ldgoog#page/n7/mode/2up
Auf Seite 126 findet sich die folgende Überschrift:
"Jamesonit. (Federerz, Heteromorphit.) Pb2Sb2S5"
Hier fällt auf, dass Heteromorphit als Synonym für Jamesonit benutzt wird und dass die angeführte Formel für Jamesonit unzutreffend ist (es fehlt der essentielle Fe-Gehalt). Als Fundorte werden genannt: Wolfsberg, die "alten Gänge bei Schwenda", die Neudorfer Gruben und der Stollengang im Alexis-Erbstollen, hier -wie auch von Schwenda- zusammen mit Gersdoffit.
Von Wolfsberg werden "Pseudomorphosen nach Plagionit" erwähnt. Hierbei könnte es sich wirklich um Heteromorphit in heutigem Sinne gehandelt haben, dessen Kristalle dem Plagionit sehr nahe kommen.
Die von Luedecke angeführten Analyseergebnisse mit Material von Wolfsberg, Schwenda und dem Erbstollen betätigen die genannte Formel (im Groben). Der Fe-Gehalt aller Proben war irrelevant oder nicht vorhanden. Somit KEIN Jamesonit. Bei dem Wolfsberger Material dürfte es sich wohl um Dadsonit gehandelt haben. Unklar ist jedoch die Identität der Proben von Schwenda und vom Erbstollen.
Hierzu meine Frage(n):
Besitzt jemand historisches Material("Federerz","Jamesonit","Heteromorphit") oder auch neuere Funde aus dem Erbstollen bzw. aus den Schwendaer Gängen ?
Falls ja, liegen dazu (verlässliche) Analysen vor und mit welchem Ergebnis ?
Besitzt jemand (wirklichen) Jamesonit von Wolfsberg/Schwenda/Dietersdorf/Harzgerode/Neudorf ?
Auf Seite 128 wird "Zundererz Pb4Sb6S17" beschrieben:
Die angegebene Formel kommt der stöchiometrisch korrekten Formel Pb4Sb6S13 = 2PbS*3Sb2S3 recht nahe und ist deshalb wahrscheinlich mit Robinsonit identisch.
Als Fundorte nennt Luedecke den Burgstädter Zug bei Clausthal und Andreasberg, stellt das Vorkommen für Wolfsberg jedoch ausdrücklich in Abrede.
In letzter Zeit konnte jedoch auch Robinsonit von Wolfsberg analysiert werden, durch G. Blass per EDX (Dank an Sulzbacher für die Info) und durch Steffen Möckel ohne Angabe der Analysemethode (Beitrag von Sun Mineral).
Thomas
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Hallo,
habe von Neudorf eine historische Stufe mit ein paar gebogenen Nädelchen in und zwischen Siderit. Von Steffen Möckel gab es auch Veenit.
Gruß
Andreas