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Silber

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Der Alchemist Marquis de Force-Nature
oder Dr. Dwingdwangius Naturalis
oder Herr Blasius Rauchmantel
Professor der Kunst, edle Metalle herzustellen.
L. van Sasse
Gravur von Wilhelm Koning, 1716
Archiv: Collector

Anthropogene Silberlocken


Kurze Betrachtung des Begriffes "anthropogen"

Anthropogen bedeutet vom Menschen geschaffen. Das Silber selbst ist jedoch nicht vom Menschen geschaffen, sondern die Form. Auch Silber, welches man durch Verhüttung oder chemische Prozesse aus Silberverbindungen, resp. Erzen erhält, ist nicht anthropogen. Das Metall war, im Erz enthalten, schon vorher da. Nur eben in anderer Form. Das einzige anthropogene Silber stammt aus Kernreaktionen, es war vorher nicht da (Zitat F. Mersch).

Der Begriff Anthropogene Silberlocken wurde gewählt, weil diese Terminologie mittlerweile im anglo-spanisch-französischen Sprachgebrauch Usus ist und weil die relevanten und aktuellen Arbeiten zum Thema Silberfälschungen, hier besonders die begehrten Silberlocken, unter dem englischen Begriff Anthropogenic Silver, resp. spanisch unter plata antropogénica publiziert und diskutiert werden.


Die fast 300 Jahre alte Geschichte künstlich erzeugter Silberlocken

Wie man Silberlocken aus Akanthit herstellt, weiß man schon seit fast 300 Jahren. So weit nachvollziehbar, war es der deutsche Mineraloge Johann Friedrich Henckel (1678 - 1744), welcher im Jahr 1732 als Bergrat ein großes Labor schuf, in welchem er unzählige metallurgische Experimente durchführte. Die Versuche, Silber aus Akanthit wachsen zu lassen, sind ausführlich nach Henckels Tod in der posthum erschienenen und in Dresden verlegten Arbeit Henckelius in Mineralogia Redivivu beschrieben.

Einige Jahre später wurden die gleichen Herstellungsprozesse auch vom französischen Mineralogen Balthasar Georges Sage (1740 - 1824), dem Gründer der Pariser Bergbauschule, beschrieben. In seinem Buch Elements de míneralogie, docimastique, erschienen 1772 in Paris, erklärt Sage identisch mit den Beschreibungen Henckels die Herstellung von jungfräulichem, kapillarem verworren-netzartigem Silber. 1784 schrieb der Bergbauingenieur Schreiber im Journal de Physique einen Artikel über Silbermineralien von den Allemont-Gruben in den Chalanches-Bergen und über den Prozess, Silber aus Akanthit zu gewinnen.

Alle diese genannten Arbeiten waren mehr oder weniger fundamental. Populär wurde die relativ einfach nachvollziehbare Herstellung von Lockensilber jedoch durch den französischen Mineralogen René Haüy (1801). René Haüy hat in einem Experiment nachgewiesen, dass, wenn man Akanthit erhitzt, aus diesem Silberdrähte sprießen und außerhalb der Argentitoberfläche wachsen, bis die Masse des Akanthit verbraucht ist. Das Wachstum der Locken beginnt an der Schnittstelle zwischen dem silberhaltigen Gestein oder in diesem Falle Akanthit und dem eigentlichen Silber.

Unterschiedliche Versuche, metallisches und/oder kollidales Silber durch Reduktion aus Silbersalzlösungen zu erhalten, wurden von Sir Benjamin Rumford um 1800 (... Auflösung dieses Salzes mit Kohle gekocht, oder mit einem eingelegten Stück Kohle dem Sonnenlicht ausgesetzt wird, reducirt sich, nach Rumfords Versuchen, das Silber auf die Kohle ...) und von Jöns Jakob Berzelius durchgeführt um 1838 in seinem Lehrbuch der Chemie beschrieben (... je nachdem die Reduction des Silbers fortfährt; die Oberfläche hat aber ein unebenes, metallisches Ansehen, und spielt hie und da mit den Farben des Regenbogens ...)

Voigt (1899) schlägt Proustit als mögliche zusätzliche Wachstumsquelle vor. Jensen (1939) zeigte, dass unterschiedliche Lösungen von Silbersulfid und Sulfat, welche auf Cobaltit und Akanthit einwirken, ebenfalls unter Laborbedingungen Silberdrähte erzeugt haben. Neumann (1944) meint, dass das meiste Lockensilber in Kongsberg auf diese Weise entstanden ist.

Wie dem auch sei - das Geheimnis des Wachstums wird nach wie vor diskutiert - es hat jedoch den Anschein, dass es eine Wechselbeziehung zwischen Silber und Akanthit gibt, wobei beide Mineralien meist zusammen vorkommen und das eine das andere ersetzen kann.


Fälschungen und Verschweigen ihrer Existenz

Dass es künstlich erzeugte Silberstufen gibt, ist jedem erfahrenen Sammler und jedem Kurator eines Mineralienmuseums bekannt und bewusst. Nicht wenige der weltgrößten und reichsten Sammlungen, aber auch etablierte Händler im High-End-Segment, das sogenannte Mineralien-Establishment, besitzen oder handeln mit Silberstufen mit prächtigen, teilweise hochglänzenden Locken, welche zu außergewöhnlich hohen Preisen erworben wurden - nicht erst heute aus Sachsen oder Marokko, sondern zum Teil schon vor mehr als hundert Jahren aus den weltbekanntesten Vorkommen prächtiger Silberlocken.

Nicht wenige der ausgezeichneten Silberlockenstufen fanden Einzug in Museums-, Universitäts- und bedeutende Privatsammlungen. Aus verständlichen Gründen dürften die Besitzer stolzer Silberlocken aus Freiberg oder Imiter kaum daran interessiert sein, Analysen ihrer wunderschönen Silberlocken durchzuführen.

Um es mit den Worten eins bekannten englischen Sammlers zu sagen (dessen Leserbrief in mindat.org veröffentlicht wurde: "Es scheint jedoch, dass dieses "Mineralien-Establishment" eine geschlossene Gesellschaft ist, da es zuviele übertragene Interessen gibt, diese sehr teuren Silberstufen auf keinen Fall als Fälschungen zu entlarven."


Bildung natürlicher Silberlocken

Lockenbildung aus der Schmelze

Geschmolzene Mineralien werden bei bestimmten Temperaturen sowie Druck- und Scherbelastungen durch Poren und Löcher im Gestein gepresst und bilden nach Abkühlung lockenförmige Gebilde. Es wird angenommen, dass die Schmelze nach Durchtritt durch die Pore noch plastisch ist, wobei sich einzelne Fäden durch Verschmelzen zu Bündeln bilden und letztlich bis zentimeterdicke Locken entstehen. Bei veränderter Konsistenz der Mineralschmelze können beliebige Richtungsänderungen im durchgepressten Mineralstrang auftreten und zu sehr verschlungenen Aggregaten führen (Dietrich, Behnke, Thönelt, 2006).


Silberlocken durch Verhüttungsprozesse

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Quelle: Ritter von Leonhard, K.C., 1858;
Hüttenerzeugnisse
Das erwähnte Musterstück befand sich in
der Sammlung des Ritter von Leonhard
Archiv: Collector

Dass Silber auch bei der Verhüttung entstehen kann, berichtete schon Professor Theodor Scheerer 1858 in den Verhandlungen des bergmännischen Vereins zu Freiberg (Sitzung vom 8. Februar 1855). Dann 1858 von K. C. Ritter von Leonhard in seinem Buch "Hüttenerzeugnisse" zitiert (Originaltext nebenstehend):

"... Die Herdmasse dieses Ofens zeigt sich fast ganz von Schwefel-Metallen durchdrungen, unter denen, wegen der Beschaffenheit des verschmolzenen Materials, Bleiglanz und verwandter Verbindungen vorherrschten. Im untern Theile der Herdmasse hatte sich eine wagerechte Spalte gebildet, mehrere Quadratfuss erstreckt, aber meist kaum nur wenige Linien breit. In dieser, öfter unterbrochenen, theils nur als Aufeinanderfolge kleiner Höhlungen und Blasenräume fortsetzenden Spalte, die dadurch ganz den Charakter gewisser Gänge annahm, fand sich an mehreren Stellen glänzend weisses haarförmiges Silber ausgeschieden."

Es ist bekannt, dass zu DDR-Zeiten (1960er Jahre) Silberlocken aus Schlema in private Sammlungen gelangten, welche laut Auskunft von Erzgebirgssammlern aus den Innenseiten der Schlote von abgerissenen Schachtöfen stammen (pers. Mttlg. an den Autor).


Ungewöhnliche Silberstufen aus dem Erzgebirge

Im Jahr 2000 äußerte ein deutscher Mineralienhändler auf dem Rochester Symposium seine Bedenken bzw. zweifelte an der natürlichen Bildung gewisser auf dem Markt befindlicher Draht-Lockensilberstufen aus Freiberg und/oder Schneeberg-Schlema-Hartenstein. Er wies darauf hin, dass diese unechten Stufen als Fälschungen zu bezeichnen seien.

Die Silberdrähte auf diesen Stufen waren fast immer gleich lang, der Durchmesser von der Basis zum Ende hin verjüngt und die Akanthit- oder Calcitmatrix dieser Stufen sieht wie zerfressen, löcherig oder schwammig aus. Gleich oder ähnlich aussehende Stufen waren bis zum Auftreten dieser als historische Funde bezeichneten Exemplare nicht bekannt. Laut Aussage der Anbieter handelte es sich dabei um Funde von der Grube Himmelsfürst bei Freiberg aus dem Jahr 1907. Etwas später, als die Zweifel an der Echtheit wuchsen, wurde als Fundort Schneeberg in Sachsen angegeben.

Ein anderer deutscher Mineralienhändler zweifelte die Anfechtungen seines o.a. Kollegen an und ließ Proben der angezweifelten Silberfälschungen mit eindeutig beweisbaren echten Silberstufen aus Sammlungen mittels REM-EDX vergleichen, wobei sich herausstellte, dass es weder chemisch noch sonstwie Unterschiede zwischen angezweifeltem und echtem Material gab.

Fragwürdige Silberlocken aus Marokko

Anfang des neuen Jahrtausends kamen zahlreiche Stufen von gediegen Silber aus der Lagerstätte Imiter in Marokko auf den Markt, meist als massive bis hackige Bleche, ohne oder auf einer mergeligen Matrix. Größere Mengen dieser Silberbleche gab es in Sainte Marie zu erstaunlich erschwinglichen Preisen.

Erste Drähte, deren Matrix gewöhnlich intensiv metallisch glänzender Akanthit war, tauchten erstmalig um 2005 auf. Die ersten wenigen dieser noch sehr kleinen Drahtstufen wurden dem Verfasser bereits im Oktober 2005 in Marokko für haarsträubende Summen angeboten. Die Farbe des Silbers war mattsilber bis metallisch-silbergrau, nicht selten auch wie angewittert oder gealtert aussehend. Im gleichen Zeitraum kamen auch ungewöhnlich viele mattgraue bis schwarze Akanthite in hervorragenden Kristallen auf die Märkte.

Etwa um 2007 erschienen auf einmal Stufen mit fantastischen feinen, hochglänzenden Silberlocken, Gespinsten und haarförmigen Drähten, manche der Locken waren zwischen 2 - 4 mm dick. Die meist dünnen Silberdrähte sind hochglänzend, die Matrix aus Akanthit hat jedoch oft eine matte Oberfläche, teils mit Spuren irisierender Farbflecken. Auffallend ist, das auf diesen Draht- und Lockenstufen keine Begleitmineralien vorhanden sind.

Seitdem, mit anhaltendem Trend, wurden die marokkanischen Silberlockenstufen von Mal zu Mal schöner. Nicht nur diese wachsende Schönheit der Stufen, auch ihre relativ große Verfügbarkeit ließen jedoch bei bestimmten erfahrenen Sammlern anhaltende Zweifel an der Authentizität dieser attraktiven Silberlocken aufkommen. Mehr noch, als die Gesteins- resp. Erzmatrix dieser Locken, meist grauer oder schwarzer Akanthit, Spuren in Form bräunlicher oder beigefarbener Hitzeflecken aufwiesen. Auf manchen Rückseiten der lockentragenden massiven Akanthitstufen sind die Hitzeeinwirkungen in Form von Bläschen oder Anschmelzstellen deutlich sichtbar.

Die Vermutung liegt nahe, dass all diese Akanthite in einem Ofen erhitzt wurden, ähnlich der bekannten Prozesse, bei welchen Silberlocken aus der Schmelze entstehen. (Die vorstehenden Informationen stammen zum Teil einem (anonymen) Aufruf zur Vorsicht beim Kauf marokkanischer Silberstufen aus Le Règne Mineral, Juli/August 2008, S. 30).


Vergleiche zwischen natürlichen und künstlich erzeugten Silberlocken-Stufen

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Deutlich sichtbar die Eisenoxid-
Imprägnation und Bildung auf Akanthit
Gefälschte Stufe aus Imiter
Foto: Joan Abella i Creus

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Eine weitere künstlich erzeugte
Stufe mit Eisenoxid zwischen
den Silberdrähten
Imiter
Foto: Joan Abella i Creus

Der erfahrene katalanische Silbersammler Joan Abella, dem der plötzliche Wechsel von mattem Silberblech zu hochglänzenden Weltklasse-Silberlocken suspekt vorkam, untersuchte verschiedene der neu auf dem Markt befindlichen hochglänzenden Imiter-Silberlockenstufen und fand u.a., dass einige davon einige bläulichweiße Flecken an der Basis aufzeigten und dass sich Eisenoxide nahe der Silberlocken fanden. Zudem fiel ihm auf, dass die jeweilige Akanthitmatrix keinen Glanz hatte.

Durch eine Koinzidenz der Ereignisse war Joan Abella im Besitz diverser massiver Akanthitstücke aus der spanischen Silbergrube Balcoll de Falset, deren Geschichte als Buch von J. Abella geschrieben wurde und er sich damit zu einem Silberexperten qualifizierte. Dieser Balcoll-Akanthit hat ähnliche Eigenschaften wie der von Imiter.

Mit diesen Akanthiten führte Abella unterschiedliche Experimente mit verschiedenen Techniken durch: Erhitzen mit Butan- und Azetylenflammen, reduzierende und oxidierende Flammen, Flusskontrolle, mit und ohne Porzellan- und/oder Graphittiegeln, mit und ohne Additive. Mittels dieser Techniken erhielt Abella kleine, jedoch hervorragende Silberdrähte- und Locken auf Akanthitmatrix. Während jedes Schrittes bei den Experimenten wurde die Abnahme der Akanthitdichte gemessen. Jede Reaktion wurde protokolliert, die Leitfähigkeit bestimmt und spezifisch das Wachstum der Silberlocken kontrolliert.

Der Vergleich der in den Versuchen erzeugten mit den natürlichen, d.h. echten Silberlocken von Balcoll ließ Abella folgern, dass, wenn die künstliche Herstellung der Silberlocken ohne entsprechende Vorsichtsmaßnahmen und ohne Kontrollen erfolgt, diese Locken solch unterschiedliche Charakteristika haben, dass eine Unterscheidung von natürlich gewachsenen Locken gegeben und erkennbar ist. Im Gegensatz dazu jedoch, wenn der gesamte Herstellprozess mit äußerster Sorgfalt durchgeführt wird, kann man Stufen mit Silberlocken erhalten, welche nicht leicht von natürlich entstandenen Silberlocken unterscheidbar sind.

Die wichtigsten Unterschiede zwischen natürlichen und künstlich erzeugten Akanthit-Silberlockenstufen beschreibt Abella wie folgt:


Natürlich entstanden

Künstlich hergestellt

Metallischer Glanz des Akanthits

Völliger oder teilweiser Verlust des Glanzes auf dem Akanthit als Resultat schlechter oder unerfahrener Herstellung

Keine Protuberanzen (Unebenheiten)

Konkave Protuberanzen (Unebenheiten) und/oder Aschespuren auf dem Akanthit, begrenzt auf die Stelle, wo ein Kontakt zum Tiegel vorhanden war (bereits von Berzelius 1838 beschrieben, s.o.)

Kein Farbenspiel, keine Irideszenz

Farbenspiel (Irideszenz) auf der Oberfläche des Akanthits. Dominierend blaue Farben (wie bereits von Berzelius 1838 beschrieben, s.o.)

Keine Aureolen

Aureolen: Wenn die Herstellung sorglos geschah, kann sich an der Stelle, wo die stärkste Erhitzung stattfand, eine gelbliche Aureole mit weißem Zentrum und grau-bläulichem Rand bilden. Wird sorgfältig gearbeitet, erscheint die Aureole nur bläulich-weiß

Keine während des Wachstums unterbrochenen Locken oder Drähte

Bruch der Locken oder Drähte während des Wachstums, meist durch Temperaturschwankungen bedingt. An den Unterbrechungsstellen feine Trennlinien, an welchen die Drähte oder Locken leicht getrennt werden können

Keine Akanthitfragmente in Locken oder Drähten, da natürliches langsames Wachstum

Manche Silberlocken oder Drähte können unregelmäßig große Akanthitfragmente enthalten, welche sich bei schnell ablaufenden Herstellprozessen gelöst haben können

Weder rötliche Massen, noch Krusten. Natürliches Silber kann ggf. mit Goethit assoziiert sein, jedoch nicht mit Hämatit (eine solche Paragenese ist nur bei einigen Meteoriten bekannt)

Krusten oder rötliche Massen zwischen den Locken, Drähten und auf dem Akanthit, welche durch das Rösten der natürlich auf den Imiter-Stufen vorkommenden Eisensulfide entstehen, wenn sie einer Flamme mit hoher Temperatur ausgesetzt sind. Hierbei entsteht Eisenoxid oder Schwefeldioxid, bzw. bildet sich Hämatit zwischen den Locken und auf dem Akanthit

Keine Patina auf Silberlocken

Der Versuch, dieses unerwünschte Eisenoxid zu eliminieren, führt zu einer gelblichen Patina auf dem Silber

Drähte und Locken sind an der Basis in der Regel dicker als am Ende

Die Silberdrähte verdicken sich nicht zur Basis und verdünnen sich nicht zum Ende, sie sind gleich lang und gleich dick

Die natürlichen Silberdrähte und Locken sind meist unterschiedlich dunkel und matt

Die Silberdrähte und Locken sind ungewöhnlich gleichmäßig hochglänzend


Analysen und Ergebnisse - Nachweise von Fälschungen

Chemische oder SEM-Analysen können einen Hinweis auf gefälschte Silberstufen geben, wenn das Ausgangsmaterial nicht derselbe Akanthit ist, auf welchem die natürlichen Drähte und Locken eines bestimmten Vorkommens gebildet wurden. Wird original Akanthit von einer bestimmten Fundstelle erhitzt, werden sich in den gewachsenen Silberdrähten immer die gleichen Elemente wiederfinden wie im Ausgangsmaterial. Die Spurenelemente des Akanthit werden beim natürlichen Wachstumsprozess in das entstehende Silber mit eingebaut. D.h., die chemische Zusammensetzung, resp. der Spurenelementebestand des Silbers nach Abschluss des Wachstums ist mit dem ursprünglichen Akanthit identisch.

Wird für die Silberlockenzüchtung jedoch metallisches Silber verwendet, sei es hochgradig, als Legierung oder im Labor hergestelltes Silbersulfid, so wird auch die Zusammensetzung des gezüchteten Silbers nicht dem natürlich entstandenen Silber entsprechen, bzw. wird, wenn überhaupt, Spuren eines womöglichen Fremdelementes eines eventuell verunreinigten künstlichen Silbersulfides enthalten, jedoch niemals der originären Zusammensetzung des Originalmaterials entsprechen.

Mit anderen Worten: Ein Nachweis von vorhandenen Spurenelementen im Silber ist nicht dazu geeignet, zwischen echten oder gezüchteten Silberlocken zu unterscheiden. Indiz einer möglichen Fälschung kann jedoch sein, dass überhaupt keine Spurenelemente nachweisbar sind oder ein Übermaß eines bestimmten Elementes vorherrscht - was auf die Verwendung eines suspekten Ausgangsmaterials hinweisen kann.

Resultate von SEM-Untersuchungen

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SEM-Analyse der Oberfläche von Imiter-Silber
Archiv/Genehmigung: Collector

SEM-Analyse der Oberfläche einer
Vergleichsstufe Silber von Himmelsfürst
Archiv/Genehmigung: Collector

Bei Analysen, welche an einer europäischen Universität durchgeführt wurden, wurde suspektes Silber aus Imiter mit authentischem Lockensilber aus der Grube Himmelsfürst verglichen (Persönliche Mitteilung an den Verfasser).

Bei mittels SEM untersuchten Silberlocken der ersten Probe aus Imiter zeigte sich, dass diese hochgradig porös waren, als ob sich Gasblasen gebildet hätten. Diese Gasblasen können durch freigesetztes SO2 entstanden sein, während der Akanthit durch Erhitzen in Silber umgesetzt wurde (Ag2S + O2 > Ag + SO2). Die untersuchte Silberprobe war sehr rein und enthielt kein Quecksilber, obwohl dieses Element immer Bestandteil von Imiter-Silber ist.

Das Silber der zweiten Probe aus der Grube Himmelsfürst war nicht ganz rein, da sich u.a. auch Spuren der natürlichen Alterung (Sulfide und vielleicht Chloride) in Form mikroskopischer Ablagerungen oder selbst als Mikrokristalle auf der Oberfläche des Silbers befanden. Bei gleicher Betrachtung und Vergrößerung wie beim o.a. Imiter-Silber kann man diese Alterungserscheinungen erkennen, jedoch sieht man keine Löcher (Porosität) wie in dem angenommen künstlichen Silber.

Inwieweit diese SEM-Untersuchungsergebnisse brauchbar sind, bleibt dahingestellt, da hier Silber aus Imiter mit Silber von der Himmelsfürst verglichen wurde. Sinnvoller wäre es wohl gewesen, alte, authentische Imiter-Silberstufen, welche vor dem Lockenboom seit langem bekannt waren, mit dem neuen Silber, welches seit 2007 auf dem Markt ist, zu vergleichen.

Ob ein Nachweis von vorhandenen oder nicht vorhandenen Spurenelementen zu einer Beurteilung brauchbar ist, wenn man keine Kenntnis vom Ausgangsmaterial, bzw. von den Materialien des Herstellungsprozesses hat, bleibt ebenfalls dahingestellt. Es ist für eine Beurteilung völlig ungeeignet, Silberlocken, welche aus 3N-Ag-Silbermünzen oder aus Akanthit, welchem Silbermetall beigegeben wurde und solche, welche aus Akanthit mit einem bestimmten Hg-Gehalt hergestellt wurden, zu vergleichen.


Silberlocken nach alten Rezepten - Experimente

Silberlocken aus Akanthit

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Akanthit - Silbererz
Shanxi, China
Foto: Rob Lavinsky

Silbersulfuret (Schwefelsilber) Ag2S findet sich als Silberglanz Argentit (Akanthit), mit andern Schwefelmetallen verbunden in mehreren Mineralien, entsteht beim Zusammenschmelzen von Silber und Schwefel, bei Einwirkung von Schwefelwasserstoff oder Schwefelleberlösung auf Silber oder auf Silbersalzlösungen und bildet den dunkeln Überzug, mit welchem Silbergeräte an der Luft anlaufen; es ist schwarz, unlöslich in Wasser, löslich in heißer Salpetersäure, schmelzbar, erstarrt zu einer bleigrauen, kristallinischen, metallglänzenden, weichen Masse, schmilzt mit Silber in jedem Verhältnis zusammen, gibt beim Schmelzen mit Eisen und Blei metallisches Silber, beim Behandeln mit Kupferchlorid bei Gegenwart von Kochsalz Chlorsilber. (Meyers Großes Konversationslexikon, 1888)

R. Haüy (1801) hat in einem Experiment nachgewiesen, dass, wenn man Argentit erhitzt, aus diesem Silberdrähte sprießen und ausserhalb der Argentitoberfläche wachsen, bis die Masse des Argentits verbraucht ist. Das Wachstum der Locken beginnt an der Schnittstelle zwischen dem silberhaltigen Gestein oder in diesem Falle Argentit und dem eigentlichen Silber (siehe Foto unten links).

A. Beutell beschrieb im Jahr 1919: "Wird Silberglanz oder künstliches Silbersulfid (Labor-Akanthit; Anm. d. Verf.) im Vakuum auf 350 bis 600o C erhitzt, so tritt geringfügiger Zerfall in Schwefeldampf und metallisches Silber ein; diese Silberspuren wandern durch das Sulfid hindurch nach dem kühleren Ende, wo sie als feine Härchen zu beobachten sind. In der Luft verläuft dieser Prozess rascher, weil durch Oxidation die Zersetzung des Sulfides gefördert wird. Reichliche Haarsilberbildung wird hervorgerufen, wenn Silbersulfid in Berührung mit metallischem Silber erwärmt wird... Schon nach 24 Stunden hatten sich kräftige und zahnförmige Silberauswüchse gebildet." Beutell führte den Versuch über drei Tage bei einer Temperatur von 450o C fort. Danach war das anfänglich eingesetzte Silberblech bis auf einen kleinen Rest verschwunden und anstelle dessen war Drahtsilber mit Drähten bis zu 2 cm Länge gewachsen.


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Natürliches Lockenwachstum an der Schnitt-
stelle Gestein-Silbererz
Grube Clara, Oberwolfach, Schwarzwald
BB 3,0 mm
Bild: franksch

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Ansatz der Lockenbildung auf Akanthit
Imiter, Marokko
Foto: Minerals and Fossils

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Dichte Silberlocken auf Akanthit
Imiter, Marokko
Foto: Minerals and Fossils


Silberlocken aus metallischem Silber

Versuch 1
Silberlocken aus Silberabfällen

Versuch 2
Silberlocken aus mit Silbersulfid überzogenen Münzen

Material

Silberwolle 999 (3N Ag) oder Reinsilber (1)
Schwefelpulver

C. 15 g mit Silbersulfid überzogene Silbermünzen 999 (3N Ag)
Schwefelpulver
Ton-Pulver

Geräte

Porzellanschale oder Keramiktiegel
Bunsenbrenner
Dreifuß
Tondreieck
Rohrofen
Abzug

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Keramiktiegel, Keramikdreieck,
Labor-Rohrofen
Foto: Frank Liebscher

Keramiktiegel mit Deckel
Bunsenbrenner
Dreifuß
Tondreieck
Abzug

Versuchsablauf

Der nachstehend beschriebene Versuch muss wegen der gesundheitsschädlichen Schwefeldämpfe im Abzug durchgeführt werden!

Es wurden ca. 10 g (ungewogene) Silberwolle eingesetzt. Die Ag-Wolle wurde mit einem Hammer verdichtet, dann in einem flachen Porzellantiegel auf Schwefelpulver gelegt, mit diesem bedeckt und anschließend mit dem Bunsenbrenner erst langsam von unten und dann von oben erhitzt, wobei der Schwefel zum Schmelzen gebracht wird. Er beginnt hierbei mit bläulicher Flamme zu brennen und reagiert mit dem Ag unter Bildung von Labor-Akanthit.

Die Silberwolle saugt den Schwefel regelrecht auf, deshalb wird Schwefelpulver bis zur Sättigung zugegeben. Man lässt das Ganze solange reagieren bzw. erhitzt solange bis der überschüssige Schwefel verbrannt oder bis eine vollständige Umsetzung zu Labor-Akanthit erfolgt ist.

Danach wird die Porzellanschale mit dem Labor-Akanthit über einen senkrecht stehenden Rohrofen (Temperatur in der Mitte des Ofens 1050 - 1070° C) platziert. Die ersten Silbersprösslinge erscheinen bereits nach 10 - 15 Minuten. Der Rest ist Warten und beim Wachsen zusehen. Der Ofen wird 2 x 6 Stunden lang unter Aufsicht betrieben. Die Locken wachsen am zweiten Tag weiter, es zeigt sich allerdings ein Wachstumsring (s.a. den Bericht von J. Abella, wobei er ebendiese Wachstumsringe auch bei marokkanischen Silberlockenstufen erwähnt). Nach etwa 12 Stunden ist die Stufe fertig gewachsen. Es wurden ganz unterschiedliche Lockentypen erhalten. Büschelig, haarig, aber auch schöne prächtige Einzelexemplare.

Auch der nachstehend beschriebene Versuch muss wegen der gesundheitsschädlichen Schwefeldämpfe im Abzug durchgeführt werden!

Dieser Versuch ist ähnlich wie der oben beschriebene, unterscheidet sich jedoch dadurch, dass die mit Silbersulfid überzogenen Münzen zur Hälfte in Tonpulver am Boden des Tiegels eingebettet wurden, sowie dadurch, dass diese Silber-Ton-Anordnung 48 Stunden lang bei einer Temperatur zwischen 350 - 600oC über einen Bunsenbrenner erhitzt wird.

Ergebnis

Bei dem beschriebenen Versuch wachsen die Locken zwischen 15 bis ca. 40 mm
Die Locken wachsen auch aus, bzw. auf / über dem Labor-Akanthit
Schlechte Temperaturkontrolle bei Verwendung des Bunsenbrenners.
Bei zu hohen Temperaturen verbrennt der Labor-Akanthit wieder zu Silber ohne Lockenbildung.
Bei Unterbrechungen während der Wachstumsphase(n) entstehen Wachstumsringe

(1) Die beim Versuch eingesetzte 3N Ag-Silberwolle diente als Störgasabsorber (Halogen- oder Schwefelfalle in einer CHN-Apparatur) und wurde gebraucht verwendet. Vorteil der Silberwolle ist, dass hierbei die Locken schneller als bei der Verwendung von massivem Silber wachsen.

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Bis zu 15 mm lange Locken nach etwa
6 Stunden Wachstumsprozess
Foto: Frank Liebscher

Nach 48 Stunden entstand eine Stufe mit bis zu 3,5 cm langen Silberdrähten

Bei Zugabe von Schwefel verbessert sich die Ausbildung der Silberdrähte. Wird jedoch zuviel Schwefel zugefügt, entstehen anstelle von Silber Labor-Akanthit-Kristalle.


Silberkristalle durch Reaktion von Silberionen mit unedlen Metallen

Eine einfache Methode, Silber zu erzeugen, beruht auf der Reaktion von Silberionen mit unedlen Metallen. Nach Zugabe von Ammoniaklösung in eine Silbernitratlösung entsteht ein Niederschlag, der sich bei weiterer Zugabe von Ammoniaklösung löst. Wird ein Kupferdraht in diese ammoniakalische Silberlösung gebracht, so werden die Diamin-Silberionen durch Kupfer zu Silber reduziert. Die Lösung färbt sich unter Bildung von Tetramin-Kupfer (II)-Ionen blau und am Draht scheiden sich glänzende Kristallite metallischen Silbers ab.

2 [Ag(NH3)2]+ + Cu → [Cu(NH3)4]2+ + 2 Ag

(Versuchsbeschreibung von Ann Seidel, 2001, Universität Paderborn)


Literatur

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  • Berzelius, J. J., 1838; Lehrbuch der Chemie
  • Beutell, A., 1919; Wachstumserscheinungen des Kupfers, Silbers und Goldes. Centralblatt Min. Geol. Paläont.: 14 - 28
  • Bideaux, R. A., Mineral rings and cylinders; 1970; Min. Rec. 1, 105 - 112
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  • Hintze, C., 1904; Handbuch der Mineralogie
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