'._('einklappen').'
 

Windkanter

(engl.: ventifacts)

Windkanter können aus magmatischen, metamorphen oder sedimentären Gesteinen entstehen.

Windkanter sind keine Gesteine im Sinne der Petrographie, sondern Verwitterungsformen aller möglichen Gesteinsarten. Als Sonderfall können Windkanter auch aus Eiskantern oder zumindest aus vom Eis vorgeschliffenen Steinen hervorgehen.

Windkanter sind Gesteinsfragmente oder Gesteinsbruchstücke mit kielartig angeschliffenen Kanten, welche durch Sand- oder Windschliff entstehen. Die Gesteinsoberfläche wird dabei durch vom Wind mitgeführte Sandkörner abgeschliffen wobei nur die dem Wind zugewandte Seite poliert ist und alle anderen Flächen bleiben davon unberührt. (Korrasion)

Entstehung
Windkanter enstehen entweder aus Gesteinsbruchstücken, die aus dem Gesteinsverbund des Anstehenden bereits herausgelöst wurden, oder aus größeren Partikeln, die in Lockergesteinen (z. B. Sand oder Kies) eingebettet sind. Sie werden durch die Korrasion des Windes mechanisch bearbeitet. Der Sand wird durch Reptation und Saltation aufgewirbelt und wirkt am Gesteinsstück als Schleifmittel. Die der vorherrschenden Windrichtung zugewandte Seite des Steines (Luv-Seite) wird abgeschliffen und geglättet, während die dem Wind abgewandte Seite (Lee-Seite) weitgehend unverändert bleibt. Dabei entstehen mehr oder weniger scharfe Grate oder Kanten.

Windkanter aus Gesteinen geringer Härte können schon in wenigen Jahrzehnten entstehen. Nach Anzahl und Ausbildung der Schliffflächen unterscheidet man Einkanter, Zweikanter und Mehrkanter; sehr häufig sind aber auch unregelmäßige Formen. Mehrere Kanten bilden sich aus

  • wenn Winde aus verschiedenen Richtungen den Stein von verschiedenen Seiten her abschleifen
  • der Stein im Laufe des Prozesses ein- oder mehrfach seine Lage veränderte, z. B. durch Solifluktion
  • im bearbeiteten Stein vorgezeichnete Strukturen herausmodelliert werden

Windkanter entstehen fast ausschließlich in ariden Gebieten (Wüsten). Je nach den herrschenden Klimabedingungen kann es sich dabei um Trocken- oder Kältewüsten handeln. Auf Grund späterer Klimaänderungen (z. B. Erwärmung am Ende der Eiszeit) können Windkanter aber auch als Relikt in Gebieten auftreten, in denen sie heute nicht mehr entstehen würden. Daher sind Windkanter zum Beispiel in den Moränenlandschaften Norddeutschlands, das während der jüngsten, der Weichsel-Eiszeit eine Kältewüste oder -steppe war (Periglazial), sehr weit verbreitet.

Windkanter
Windkanter

Fundort: Brunsberg, Lüneburger Heide

Gerhard Schöne
Windkanter
Windkanter

Mojave-Wüste nahe Barstow, CAlifornia, USA

Mark A. Wilson
Windkanter
Windkanter

Windkanter aus magmatischem Gestein;
Dyngyujökull, Island

Till Niermann
Windkanter
Windkanter

Ungewöhnlich großer Dreikant-Windkanter
Granit, Pacific Strings, Sweetwater County, Wyoming

USGS Public Domain
Windkanter
Windkanter

Windkanter aus einem magmatischen Gestein (wahrscheinlich Granit);
Elbe-Weser-Dreieck

Hannes Grobe


Windkanter und Eiskanter
Die Terminologie der sogenannten Kantengeschiebe hat sich allmählich soweit geklärt, daß man die durch Windschliff facettierten Geschiebe als Windkanter bezeichnet und von den durch das Eis in der Grundmoräne angeschliffenen Facettengeschieben scharf sondert. Das beide verbindende Moment, daß sie "Geschiebe" waren, hatte sich der Klärung dieser Scheidung entgegengestellt und sollte aus der Bezeichnung dieser Gebilde ganz ausscheiden. Windkanter, deren Name meines Wissens zuerst von VORWERG gebraucht wurde, sind zwar in Norddeutschland wie in allen Glazialgebieten meistens Geschiebe, können sich aber naturgemäß überall bilden, wo der Wind frei über eine steinbestreute Fläche fegt, und die dort von ihnen bearbeiteten Steine brauchen keineswegs Geschiebe zu sein.

PFANNKUCH hat die ältere Ansicht von MICKWITZ, daß die Schlifflächen nach den Hauptwindrichtungen orientiert seien, durch die Angabe ersetzt, daß sich die Flächenbildung der ursprünglichen Form des Steines anpaßt bzw. durch diese bestimmt wird. Mir scheint, daß dieser Faktor von MICKWITZ 2) nicht genügend berücksichtigt wurde, daß er aber nicht allein den Ausschlag gibt. Es wird das ganz von der Windstärke und den lokalen Bedingungen seiner Arbeitsleistung abhängen. Das bestätigen auch die Beobachtungen von JOH. WALTHER in der libyschen Wüste, wo bei einseitiger Windwirkung nur einseitiger Abschliff zustande kommt. Im Anfang wird die Form des Steines die Schliffläche bestimmen, später aber die Windrichtung zum entscheidenden Faktor werden.

Die Facettengeschiebe im engeren Sinne sind unter dem Eis entstanden, aber auch sie brauchen nicht unbedingt Geschiebe zu sein. Zwei Möglichkeiten sind dabei gegeben. Entweder werden die Steine mit dem Eis vorgeschoben oder sie lagern als Steinpflaster auf dem Boden, den das Eis überschritt. Im letzteren Falle können sie von anstehenden Gesteinsmassen abgelöst sein, und durch das Eis wohl eine Schleifung und Kantung, aber keine Ortsbewegung erfahren haben. Dann wären sie also keine "Geschiebe". Ich schlage daher vor, die "Facettengeschiebe" auch im engeren Sinne durch "Eiskanter" zu ersetzen. Dieser Name ist ganz unverfänglich und hebt das einigende Kennzeichen aller dieser "Kanter", eben die Kantenbildung, klar hervor. Eiskanter wurden zuerst aus den permischen Glazialschichten Indiens beschrieben und in unserem baltischen Glazialgebiet erst später aufgefunden, so daß man zunächst glaubte, daß sie unseren Gebieten ganz fehlten. Die bisher gefundenen Stücke zeigten die Kantung in der Regel nur schwach ausgeprägt, so daß über die Art ihrer Bildung kein klares Urteil zu gewinnen war. Der im folgenden beschriebene Eiskanter ist nun so vortrefflich klar in seiner Formung und Erhaltung, daß er den Gang seiner Entstehung als Eiskanter in allen Einzelheiten erkennen läßt. Das Stück wurde auf dem ca. 100 m hohen Höhenzuge bei Tentzerow südlich Demmin von Herrn FREIHERR VON SECKENDORF im Geschiebemergel nahe der Oberfläche gefunden und mir freundlichst für die pommersche Landessammlung überlassen. Es ist ein gelblich-grauer , feinkörniger, dichter Kalkstein, der an Feinheit fast dem Solnhofener Plattenkalk gleichkommt. Er enthält nur wenig Spuren verkieselter Fossilreste, von denen einige an Gyclocrinus erinnernde Kalkalgenreste undeutlich erkennbar sind. Es dürfte sich um einen Lyckholmer Kalk aus dem oberen Untersilur handeln, wie er bei Oddalem in Esthland gefunden wird. Auf einer rauhen Seite und einem Teil der einen Schliffläche haftete ein nachträglicher dünner Überzug von Kalksinter, den ich von der angeschliffenen Fläche wieder vorsichtig entfernt habe, um deren Schlifflinien klarer erkennen zu lassen. Das Stück ist 17 cm lang, 8 bzw. 9,5 cm dick und an beiden Enden kegelförmig verjüngt. Die genauere Form des Geschiebes geht aus beistellenden Abbildungen und den Photographien Tafel II hervor. Jede seiner vier Hauptflächen ist nacheinander angeschliffen worden, und es läßt sich in allen Einzelheiten klarstellen, welche Bewegungen der Stein dabei gemacht hat.

Der obenstehende Text stammt aus dem Jahre 1924. Zu dieser Zeit waren viele Erkenntnisse, die uns heute selbstverständlich sind, noch recht frisch und ganz offensichtlich wurde damals noch um die Bestimmung und die Unterscheidung von Windkantern und Eiskantern gerungen. Der Text stammt aus dem Band 1 der "Zeitschrift für Geschiebeforschung". Diese Zeitschrift wurde von Dr. Hucke herausgegeben und erschien 19 Jahre lang. Sie wird von der "Gesellschaft für Geschiebekunde" weitergeführt und heißt heute: "Geschiebekunde aktuell".

(Quelle: Jaekel, O., Eiskanter und Windkanter)



Verfasser

  • Peter Seroka


Literatur

  • Kraus, K.H., 2000; Wind, Sand und Steine: Windkanter aus dem Pleistozän. Der Aufschluß; S. 305 - 313.
  • Miotke, F.D., (1979) Die Formung und Formungsgeschwindigkeit von Windkantern in Victoria-Land, Antarktis. Polarforschung, 49(1), 30-43
  • Vorweg, O., 1907; Zur Kantengeschiebefrage. Centralbl. f. Min., Geol. u. Pal. Jahrg. S. 105
  • Walther, J., 1911; Über die Bildung von Windkantern in der Libyschen Wüste. Zeitschr. d. dtsch. geol. Ges. 63, 410-417, 1 Fig.
  • http://www.kristallin.de/wek/Eiskanter_Jaekel1924-druck.htm

Einordnung