Gesteine / Rocks / Rocas > Geschiebe / Glacial erratic
Urkalk
Angler:
Hallo liebe Experten,
die brandenburger Rentnerband bittet Euch mal wieder um Hilfe. Wir haben im Winter unsere Geschiebefunde getrommelt. Dabei hat sich auch ein Stück Marmor (3 x 3 x 2,5cm) unter die Quarzkiesel gemischt. Bei unserem Versuch dem Marmor einen Namen bzw. Herkunftsort zu zuordnen, sind wir in Netz und Literatur auf viele Hinweise wie Informationen gestoßen. Aber eine Frage bleibt für uns Laien offen.
Gibt es außer dem Anstehenden in Mittelschweden noch andere Lagerstätten in Skandinavien, die nicht dem svekofennidischen Grundgebirges zu zurechnen sind und somit nicht als Urkalk bezeichnet werden dürfen?
Kann man also die Marmorfunde in den Geschieben Nord/Ost-Mecklenburgs, Brandenburgs bis nach Berlin grundsätzlich als Urkalk bezeichnen oder gibt es Gründe, die dem entgegenstehen (entsorgte alte Tischplatten, mal ausgenommen ;D)?
Schon mal im Voraus recht herzlichen Dank für Eure Hilfe!
VG Michael
karlov:
Hallo Michael,
die meisten Marmorfunde dürften den zahlreichen kleinen und weit verstreuten Vorkommen in den Svekofenniden entstammen, wenn nicht sogar alle. Über entsprechend jüngere, aber doch mindestens 1 Ga alte Marmorvorkommen ist mir nichts bekannt. Im Geschiebe wird Marmor meist als "Ophicalcit" gefunden, dann häufig in der schönen Farbkombination weiß-(Calcit)-grün (irgendwas mit Serpentinmineralen +/- Amphibol, Pyroxen), gleichwohl in vielen Urkalkvorkommen der reine, weiße Calcitmarmor überwiegt (und abgebaut wurde). Wenn diese typischen Serpentinminerale sowie Glimmer komplett fehlen, wird es einem abgerollten Stück schwierig mit der eindeutigen Bestimmung als Marmor, zumal etwas beigemengter Quarz schwer zu erkennen ist. Denkbar wäre auch eine rekristallisierte Partie aus einem Sediment, z.B. Paläoporellenkalk. Möglicherweise ist es allein anhand der Körnung/Textur davon unterscheidbar. Ist an Eurem Stück etwas Glimmer zu beobachten? Ich kann nichts dergleichen erkennen, würde der Textur nach aber auch auf Urkalk tippen.
Grüße,
karlov
karlov:
Die Schweden unterscheiden übrigens "marmor": kristalliner Kalkstein, der in Blöcken gebrochen wird und "urkalk": zusammenfassend für kristallinen Kalkstein oder Dolomitmarmor aller Art. Petrographisch spricht man von reinem (Calcit- oder Dolomit)-Marmor, unreinem Marmor mit Übergang zu Kalksilikatgesteinen. Die Grenzen sind hierbei fließend.
Interessant fände ich die Frage, wie die in der Regel etwa 1,9 Ga alten Marmore aus Karbonatsedimenten entstanden sein sollen. Durch welche kalkfällenden Organismen? Ist die Genese dieser svekofennischen Marmore geklärt?
Angler:
Hallo karlov,
erst einmal recht herzlichen Dank für Deine ebenso lehr- wie hilfreichen Ausführungen.
Glimmer ist im Ist-Zustand auch von uns nicht festzustellen. Oberflächlich ist an einigen wenigen, kleinen Riss- bzw. Anplatzstellen braun/gelbliche Substanz zu sehen (vermutlich Eisen), das sich später angelagert haben sollte. Auf Bild 4 kann man eine horizontale Schichtung als etwas dunkel graue Streifen erahnen (Graphit ???, in der Hand deutlicher sichtbar).
Leider haben wir beim Sammeln den Urkalk nicht erkannt und so geriet er in die Trommel. Der Rohstein wäre wahrscheinlich aussagekräftiger gewesen. Damit sind auch andere typische Begleitminerale an dem kleinen Stein makroskopisch nicht mehr identifizierbar. So ist eine genaue Feststellung seiner Herkunft ohne großen Aufwand wohl kaum möglich.
Da Dir auch keine jüngeren skandinavischen Marmor-Lagerstätten bekannt sind, freut uns schon ein wenig. Also haben wir nicht so schlecht recherchiert und die Bilder im Internet zu den typischen Vorkommen in Längban, Nordmarka, Falun, Sala, Dannemora und Kolmärden, haben wir uns ausgedruckt, um bei unseren zukünftigen Sammeltouren, Urkalk hoffentlich besser identifizieren zu können.
Da es auf unserer Fahrstrecke des Eises einige Nachweise von Kolmärden-Marmor aus dem Geschiebe bis hin nach Berlin gibt und auch rein weiße Stufen von dort beschrieben werden, tippen wir am ehesten auf seine Herkunft von dort. Aber das ist natürlich nur eine unbelegbare Annahme.
--- Zitat von: karlov am 09 Apr 18, 21:00 ---Interessant fände ich die Frage, wie die in der Regel etwa 1,9 Ga alten Marmore aus Karbonatsedimenten entstanden sein sollen. Durch welche kalkfällenden Organismen? Ist die Genese dieser svekofennischen Marmore geklärt?
--- Ende Zitat ---
Da triffst Du unseren Nerv. Bei so manchem Bier haben wir darüber diskutiert, woher der so stark überprägte Kalk von vor 1,9 2 Ga stammen könnte. Um es vorweg zu nehmen, wir haben bisher dazu weder in der Literatur noch im Netz seriöse Hinweise gefunden. So haben sich bei uns zwei Lager gebildet. Die einen vermuten Kalkalgen, als Ursprung und begründen dies mit der Dokumentation von Stromatolithen, welchen (nach Naturkundemuseum Berlin) ein Alter von 2,1 Ga nachgewiesen wurden und neusten Dokumentationen zur Folge, sogar von 2,3-2,4 Ga zugesprochen werden.
Die andere Fraktion hält eine chemische Ausfällung von Kalk bzw. die massenhafte Verdunstung von Meerwasser und damit verbundener Ablagerung für wahrscheinlicher.
Sehr spannend, was da unsere Wissenschaftler noch ermitteln können, bis dahin werden hier Wetten angenommen (Einsatz min. 1 Bier). :)
VG Michael
Sprotte:
Hallo,
eine wichtige Publikation, die sich speziell mit Marmorgeschieben beschäftigt, ist folgende:
W.A. Bartholomäus, M. Schliestedt: Marmore als Urkalkgeschiebe. In: Archiv für Geschiebekunde, Band 5, Heft 1/5. Hamburg, Greifswald (2006), S. 27 - 56
Insgesamt habe ich bisher vier Marmorgeschiebe gefunden, die pretrografisch (bis auf den dominanten Calcit) höchst unterschiedlich aufgebaut sind.
Viele Grüße
Sprotte
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