Gesteine / Rocks / Rocas > Geschiebe / Glacial erratic
Oslo-Essexit?
Angler:
Hallo werte Experten und Foristen,
der Stein, den wir Euch heute zeigen wollen, ist in den Kiesgruben im nordöstlichen Brandenburg selten und unser Erstfund. Er kommt aus dem Gebiet um Oslo und soll nach Dr. Frank Rudolph 295 Mill. Jahre alt sein.
Die polierte Fläche ist max. 9cm lang und max. 7cm hoch, die Plagioklase sind bis 1,3cm lang. Es ist schon selten, dass wir ein Geschiebe soweit eindeutig zuordnen können. Trotzdem bleibt eine Frage offen, bei der wir wieder auf Eure Hilfe hoffen.
Wir haben unseren Stein mit den entsprechenden Bildern bei skan-kristallin verglichen und dabei festgestellt, dass auch der porphyrische Kauaiit unserem Stein sehr ähnelt. Beide Varianten kommen aus Oslo-Ullernäsen und sollen sich laut Dr. Rudolph nur durch das Fehlen von Nephelin und der Größe der schwarzen Augite in der Matrix unterscheiden.
Nach mehreren „Kongressen“ bei Kaffee und Kuchen ;), wollte sich hier niemand festlegen, was er nun ist, Essexit oder Kauaiit. Die Bilder von der Außenseite des Steins geben nicht ganz hundertprozentig die originalen Farben wieder. Ich würde sie als graubräunlich mit leichtem Grünstich bezeichnen. Weswegen wir etwas zum Essexit tendieren, aber auch stundenlange Vergleiche der Schliffbilder, brachten kein eindeutiges Ergebnis. ::)
Nun hoffen wir auf Eure trainierten und geschulten Augen!!!
Wie immer unseren herzlichsten Dank für Eure Bemühungen im Voraus!
VG von der Rentnerband und Michael
Johannes Kalbe:
Da seid ihr mit der Bestimmung ja schon weit gekommen. ;D
Ich erkenne an dem gezeigten Stück keine Foide (edit: die leistenförmigen Einsprenglinge sehen für mich eher aus wie Plagioklas, konntet ihr die anders bestimmen?), daher tue ich mich mit Essexit etwas schwer. Und Kauaiit ist doch kein Gestein, sondern ein Mineral (Alkali-Aluminium-Sulfat?).
Da aus dem gesamten skandiavischen Raum x dunkle Ganggesteine kommen, die sich i.d.R. im Geschiebe nur schwer zuordnen lassen, würde ich hier von der Bestimmung bei einem (magnetithaltigen?) Gabbro mit eingeregelten Plagioklasen bleiben.
Anbei ein schneller Scan von einem vergleichbaren Stück aus meiner Sammlung mit einem Fundort in Vorpommern, der das Oslogebiet als Herkunftsregion definitiv ausschließt...
Angler:
Hallo Johannes,
Foide sehen wir auch nicht, sondern Plagioklase wie Du und das steht auch oben so in unserer Gesteinsbeschreibung. Wir sind doch nur Laien und haben unseren Fund, nach der Beschreibung bei Rudolph‘s „noch mehr Strandsteine“ Seite 118, dargestellt.
Dort steht, Zitat: „Auffallend sind die bis 1cm langen, größtenteils leistenförmigen Plagioklase, die die Hälfte des Gesteins ausmachen können. Einige wenige sind breit rechteckig bis quadratisch. Es gibt immer Gruppen von parallel ausgerichteten Feldspäten. Eine nephelin-freie Variante wird als Kauaiit bezeichnet. Oslo-Essexit-Porphyrit besitzt größere, schwarze Augite.“
Also scheint Kauaiit zu mindest auch eine Gesteinsbezeichnung zu sein. Der Ansicht scheint man auch bei skan-kristallin zu sein und im Hesemann 1975 Taf.5 Fig.7 sogar als nordisches Leitgeschiebe bezeichnet. Jedenfalls verstehen wir das so. ??? Hier mal der Link zu skan-kristallin in dem verschiedene Oslo-Essexite und Kauaiite gezeigt sind.
https://skan-kristallin.de/norwegen/gesteine/magmatite/essexit/essexit_text.html
Übrigens ein leichter Magnetismus ist vorhanden und Deinen Fund finden wir auch sehr prächtig. :)
VG von der Rentnerband und Michael
P.S. Warum kannst Du bei Deinem Fund den Osloer Graben ausschließen?
Johannes Kalbe:
Hallo,
--- Zitat von: Angler am 23 Jul 19, 15:01 ---Foide sehen wir auch nicht, sondern Plagioklase wie Du und das steht auch oben so in unserer Gesteinsbeschreibung. Wir sind doch nur Laien und haben unseren Fund, nach der Beschreibung bei Rudolph‘s „noch mehr Strandsteine“ Seite 118, dargestellt.
Dort steht, Zitat: „Auffallend sind die bis 1cm langen, größtenteils leistenförmigen Plagioklase, die die Hälfte des Gesteins ausmachen können. Einige wenige sind breit rechteckig bis quadratisch. Es gibt immer Gruppen von parallel ausgerichteten Feldspäten. Eine nephelin-freie Variante wird als Kauaiit bezeichnet. Oslo-Essexit-Porphyrit besitzt größere, schwarze Augite.“
Also scheint Kauaiit zu mindest auch eine Gesteinsbezeichnung zu sein. Der Ansicht scheint man auch bei skan-kristallin zu sein und im Hesemann 1975 Taf.5 Fig.7 sogar als nordisches Leitgeschiebe bezeichnet. Jedenfalls verstehen wir das so. ??? Hier mal der Link zu skan-kristallin in dem verschiedene Oslo-Essexite und Kauaiite gezeigt sind.
(...)
P.S. Warum kannst Du bei Deinem Fund den Osloer Graben ausschließen?
--- Ende Zitat ---
Hallo,
zum ersten Punkt: um Gesteine bestimmen zu können, sollte man sich mit den Grundlagen beschäftigen. Matthias Bräunlich hat zur Mineralbestimmung eine detailierte, gut und auch für interessierte Laien verständlich formulierte Anleitung geschrieben: https://www.kristallin.de/gesteine/index.htm#Anker1
Gesteine bestimmt man makroskopisch zuerst nach Mineralbestand und Gefüge. Für die Magmatite ist da die sogenannten Streckeisen- oder QUAPF-Diagramme relevant: https://de.wikipedia.org/wiki/Streckeisendiagramm
Essexit wäre da ein Foidmonzogabbro. Wenn man allerdings am Handstück makroskopisch keine Foide erkennt, landet man bei dem gezeigten Gestein bei einem Gabbro. Wenn man das Gestein herkunftsmäßig/geographisch zuordnen kann, kann man natürlich den "kurzen Bestimmungsweg" gehen, mit der Gefahr einen Fehler zu machen, den man nicht korrigieren kann, weil man nicht weiß auf welchen der übersprungenen Schritte er liegt. Da man bei den Gabbros/Ganggesteinen bei der Herkunft stark ins Schwimmen kommen kann, würde ich hier nicht zum "kurzen Weg" raten. insgesamt hat sich in letzter Zeit herausgestellt, dass so einige Leitgeschiebe Doppelgänger haben, die sie als Leitgeschiebe disqualifizieren. Dazu haben vor allem Matthias Bräunlich und Marc Torbohm einiges beigetragen (siehe, bzw. lese auch die Homepage vom M.B.).
Zum Kauaiit: der ist ein Mineral: https://www.mindat.org/min-7527.html Ein monomineralisches Gestein würde Kauaiitit heißen, das ist hier aber nicht der Fall. Ein "Beides ist möglich" ist nomenklatorisch m.W. nicht möglich. ;) Da hat in der Geschiebekunde wahrscheinlich (?) einer vom anderen immer wieder falsch abgeschrieben. So etwas kommt vor.
Zum PS: Der Fundort von meinem Stück liegt in Vorpommern. Oslogesteine kommen, bedingt durch die Eisflussrichtung der quartären Gletscher an der Ostseeküste maximal bis ins Umfeld der Wismarbucht und westlich davon vor. Oslogegendgesteine östlich davon sind immer anthropogen verschleppt, was ich bei meinem Fund nahezu ausschließen möchte. Das wiederum würde meine Argumentation beim ersten Punkt untermauern.
karlov:
Moin,
ja, ein Gabbro, mehr sehe ich da auch nicht. Essexite brauchen Foide und sind von Hand meist nicht bestimmbar. Das Gestein dürfte eine Variante des Asby/Ulvö-Diabas sein. Zumindest sind mir in Brandenburg diverse Funde von Doleriten mit vergleichbarem Gefüge untergekommen. Lieber Michael, tröste Dich, bei meinem ersten Fund habe ich auch an "was aus dem Oslograben" gedacht. Aber wie Johannes schon sagt, so läuft Gesteinsbestimmung nicht: mit Bildern im "Rudolph" vergleichen und dann die Bezeichnung nehmen, die am nächsten scheint. Zumindest nicht bei solchen "Spezialgesteinen".
@Johannes: Kauaiit ist ein Gestein. Der Name geht möglicherweise auf Brögger 1906 zurück oder ist noch älter. Die ganzen Alkaligesteine des Oslograbens haben damals putzige Namen bekommen, damit ja keiner mehr durchblickt ;D Heute hat sich das ganze nomenklatorisch etwas gesetzt, aber aus lieber Gewohnheit werden die alten namen noch weiter verwendet, nicht nur in der Geschiebekunde. Übrigens hat das, was Brögger damals alles als Essexit bezeichnet hat, nur eingeschränkt mit der heutigen Definition zu tun. Damals mussten noch nicht mal Foide drin sein...
https://skan-kristallin.de/norwegen/gesteine/magmatite/essexit/kauaiit.html
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