Bergbau und Verhüttung / Mining and Smelting / Minería y Fundición > Zeugen des Bergbaus / evidence of mining

Altbergbau identifizieren: Tagesbruch, Pinge oder Tagebau?

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Gelb:
Hallo,

ich interessiere mich sehr für den Altbergbau in meiner Gegend. Die bekannten und dokumentierten Stellen hier habe ich nun fast alle besucht, allerdings wird hier seit mindestens 2000 Jahren Bergbau betrieben und der Grossteil dieser Zeitspanne ist undokumentiert. Nun fielen mir aber auch immer wieder undokumentierte Verwerfungen, Gräben, Aufschlüsse oder Haldenhügel auf.

Als Laie kann man schwer sagen was was ist, deshalb hier meine Frage ob es einigermaßen sichere Indizien gibt um eine Landschaftliche Auffäligkeit einer dieser Gruppen zuzuordnen?

Ich nehme an bei echtem Tagebau sieht man noch viel blankes Gestein während bei den Pingen und Tagesbrüchen eher das gleiche Material wie drum rum die Oberfläche bedeckt?
Oder kann man auch Schlüsse aus der Lage dieser Auffäligkeiten ziehen? Z.b. kann ein ehemaliger Tagebau von Pingen umzogen sein? Waren die Menschen tatsächlich so leichtsinnig an mehr oder weniger der gleichen Stelle gleichzeitig Tagebau und Bergbau unter Tage zu betreiben?

Als Laie nehme ich auch einfach mal an dass eine Abraumhalde immer in direkter Nähe zum Gruben/Stolleneingang liegt oder täusche ich mich da und wurde auch dort wo man das Erz verarbeitet Halden mit unnützem Gestein angelegt?

felsenmammut:
Glück Auf!

Bitte das "hier" in den einleitenden Sätzen präzisieren.

Bei einer geologischen Vielfalt die bis ins Paläozoikum zurückreicht, reichlich Vulkanismus, verschiedenste Sedimentabfolgen und üppige Tektonik vorzuweisen hat, ist eine pauschale Antwort zum Unterscheiden von Pingen, bzw Tagesbrüchen sowie Tagebauen nur nach visuell wahrnembaren Eindrücken kaum möglich. Hinzu kommen Erdbewegungsarbeiten, die nicht der Gewinnung von Rohstoffen dienten. Auch natürliche Prozesse, gelegentlich initiiert durch anthropogene Eingriffe, können im Resultat ähnlich aussehen.

Das durch Gewinnung entnommene Gesteinsvolumen (egal für welchen Zweck), Gewinnungsmethoden und Abbautechnologie, Stabilität und Witterungsbeständigkeit, Zeit, die seit dem Ende der Gewinnung vergangen ist; Erosion und natürliche Reliefgestaltung sind nur ein paar Beispiele die maßgebend den jetzigen Gesamteindruck einer mineralischen Rohstoffgewinnung (einschließlich Energierohstoffe) prägen (können). Im Allgemeinen spielt das Gestein da keine große Rolle. Da kann drumherum das gleiche oder ein völlig anderes Gestein vorkommen im Vergleich zu dem, was man innerhalb des vermuteten Abbauortes vorfindet. Verfüllung mit Fremdmaterial im Sinne einer Geotopverseuchung zur Herstellung eines genehmigten Nachnutzungskonzepts kann für den Laien ebenso wie nicht ortskundigen Fachmann für Verwunderung, wenn nicht sogar Verwirrung sorgen. Im konkreten Einzelfall eines beobachteten Geländereliefs im Fest- oder Lockergestein wird man aber deutlich differenziertere Aussagen treffen können.

Der gleichzeitige Abbau gleicher oder unterschiedlicher Rohstoffe über- und untertage schließt sich nicht pauschal aus. Verschiedene Vor- und Nachteile für Tage- oder Tiefbau, können mit unterschiedlichen Strategien, Technologien, Aufwendungen und Nutzen mehr oder weniger effizient angegangen werden. Die lange Zeit nicht vorhandene oder nicht ausreichend präzise Markscheiderei und menschliche Eigenheiten führten bei vielen Berggesetzen zur Einführung der ewigen Teufe. Damit hatte der Eigentümer der Gewinnungslizenz Anspruch auf alle in der Gewinnungslizenz genannten Rohstoffe auf bzw. unter der zur Gewinnung genehmigten Fläche - theoretisch bis zum Erdkern. Auflagen zum Erhalt der Genehmigung, technische Möglichkeiten und Laufzeitbegrenzung weisen den Tiefbau aber in die weithin bekannten Schranken. Moderne Berggesetze sind bestrebt die Verfügbarkeit und Abbaubarkeit übereinanderliegender Rohstoffe zu erhalten, wenn nur ein Teil der auf der Abbaufläche liegenden Rohstoffe zum Abbau beantragt wird.

Ein zeitlicher Versatz von Tiefbau und Tagebau oder Tagebauen in verschiedenen Größenordnungen oder Gewinnung verschiedener Rohstoffe ist weit verbreitet.

Die Entfernung von Abraumhalden ist immer eine Frage von Aufwand und Relief. Vielerorts war/ist das Abkippen des Abraums am Rande der Gewinnungsstätte üblich. Große Tagebaue füllen mit dem Abraum aber auch schon mal das Nachbartal, dass etliche Kilometer entfernt liegen kann. Bei Absetzbecken für feindisperse Rückstände aus der Aufbereitung sind aber auch 50 km Entfernung durchaus im Rahmen des Möglichen.

Mit freundlichen Grüßen

Das Felsenmammut

Gelb:
Vielen Dank für deine ausführliche Antwort trotz meiner lückenhaften Eingangsbeschreibung!

Ok dann will ich mal etwas mehr erzählen..

Der vermutete Tagebau liegt in Hessen im Lahnauer Wald an der Grenze zu Biebertal. In dieser Gegend gibt es unzählige historische, wenn auch recht kleine Abbaustellen von Eisenerz, Kalk und anderen Gesteinen wie Basalt oder Grauwacke.
Der vermutete Tagebau misst etwa 40 x 20m, es gibt eine ebenerdige "Einfahrt" von etwa 3m. Dieses Tagebauloch ist quasi seitlich an der Spitze dieses höchsten Punktes des Hügels.

Etwa 100m östlich liegt der Stollenmund der ehemaligen Grube Hainau. Dazwischen befindet sich heute ein gut befestigter Waldweg. Noch etwas weiter Östlich verläuft die Landstrasse von Waldgirmes nach Biebertal.

Auf dem Lidarbild erkennt man die Verwerfungen rund um den Tagebau leider nicht so gut aber was sich dort rund um das "Hauptloch" als einzelne Löcher zeigt ist eigentlich ein zusammenhängender Graben der mal mehr und weniger tief ist, einzig das Loch ganz oben scheint mir nach Begehung ein Bombentrichter zu sein.

Weiter unten im Bild erkennt man zwei winzige Hügel, dies sind eindeutig Halden vom Eisenerzabbau. Irgendjemand hat schon ein Loch in den Haldenhügel getrieben und man kann schön erkennen wie der Hügel aufgebaut ist.

Im zweiten Bild sieht man das Tagebauloch von der Spitze aus. Leider wie man sieht sehr zugewachsen was ein betreten nicht wirklich möglich macht.

Im dritten Bild die Verwerfung die sich mit etwa 5 m Abstand im 90 grad Bogen von Westen nach Süden zieht.

Viertes Bild Blick ins Innere der Halde.

nwsachse:
Hallo,

hast du schon die geologische Karte zu rate gezogen ?
Für Hessen auch online verfügbar: https://geologie.hessen.de/mapapps/resources/apps/geologie/index.html?lang=de

Wenn du dich für die Gegend interessierst, lohnt es sicher auch, sich die gedruckte(n) Karte(n), incl. Erläuterung(en) zu besorgen.

In dem hier zur Diskussion stehenden engeren Bereich sehe ich i. w. anstehenden Massenkalk des Devon, dieser Bereich ist zusätzlich als Rohstoffsicherungsfläche für reinen-hochreinen Kalkstein ausgewiesen. Randlich von diesem Kalkstein sind "Eisenerzlinsen im oberen Mitteldevon" ausgewiesen.

Meine Schlussfolgerung aus der Ferne wäre:

- es existierte hier ein Tagebau/Steinbruch auf Kalkstein
- die kleineren Gruben rundherum könnten Schürfe auf die Fortsetzung dieses Kalksteinvorkommens oder aber auch Schürfe auf Eisenerz
  gewesen sein

Jörg N.





giantcrystal:
Hallo aus Mittelfranken

ich würde das Lidarbild so interpretieren : Steinbruch oder Tagebau mit Bremsberg zu einer rechts erkennbaren ehemaligen Bahnlinie. Das Ensemble ist recht typisch für einen Gewinnungsetrieb des späten 19.ten Jahhunderts bis etwa 1940.

Da der Abbau ganz oben auf dem Berg stattfand, kann es sich durchaus um einen ehemaligen Basalt- oder Diabasabbau handeln.

Glück Auf

Thomas

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