Habe mir jetzt nochmal die Publikationen von
Gregor 1980 und
Jung 1981 durchgelesen (hatte aber noch nicht die Gelegenheit, auch
Gregor & Holleis 2017 zu lesen).
Ich kann zwar bezüglich der Zusammensetzung der untermiozänen Floren nicht mitreden, habe mich aber doch etwas eingehender – natürlich überwiegend (aber nicht nur) anhand der Kieselhölzer – mit der neogenen Sedimentologie, Umlagerungsprozessen, Taphonomie etc. beschäftigt. Und ich muss sagen, ich bin in diesem Fall voll auf Jungs Seite. Seine Argumentation erscheint mir klar, einleuchtend und widerspruchsfrei, während mir die Argumentation von Gregor teilweise doch eher nach „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“ klingt.
Die geochronologische Einstufung der Ortenburger Schotter erfolgt „traditionell“ in Oberstes Ottnangium/
Unteres Karpatium, während
Ulbig 2010 (Abb. 1) sie nur mehr ins (untere) Karpatium stellt.
Gregor 1980 bezieht sich bezüglich seiner Ablehnung autochthoner Palmenfunde in Rauscheröd unter anderem auf die Einschätzung eines Weinviertler Palmenfossils aus dem Karpatium durch
Thenius 1961 (sh. dazu
https://www.mineralienatlas.de/forum/index.php/topic,44360.0.html). So sehr ich Professor Thenius auch schätze, in diesem konkreten Fall würde ich mich aber nicht auf seine Annahme aus dem Jahr 1961 (Forschungsstand!) verlassen.
Und die Angaben zu Gregors paläoklimatischen Prämissen können mittlerweile ebenfalls modifiziert werden.
In der zweibändigen monografischen Bearbeitung von Flora und Fauna der Korneuburg-Fm (Karpatium), einer Zusammenarbeit von 40 namhaften Wissenschaftern, wird das Paläoklima aus unterschiedlichen Fachrichtungen der Paläontologie beleuchtet, woraus das Postulieren eines deutlich subtropischen Klimas resultiert.
In der Synthese von
Harzhauser et al. 2002 (Band 2, s. 442) heißt es zusammenfassend noch für das
Obere! Karpatium (16,5 – 16,7 Mio):
„Aufgrund des Auftretens von Gürtelechsen und Krokodilen dürfte die Jahresdurchschnittstemperatur nicht unter 17° C gefallen sein. Insgesamt weist die Wirbeltierfauna auf frostfreie Winter und eine Minimaltemperatur des kältesten Monats von 3° C bis 8° C hin. Die Jahresniederschläge dürften bis zu 2000 mm erreicht haben. Im marinen Bereich lassen die Gastropodenfaunen auf Minimum Temperatur von ca. 15 – 16° C im kältesten Monat schließen.“
Und S. 454:
“… corresponds well with the Central European paleoclimatic data for the climax of the Miocene climatic optimum …” und “… point to a transitional area between the warm temperate and tropical belt …”Dies sind immerhin die aktuellsten paläoklimatischen Daten zum Karpatium, über die wir in NÖ (und darüber hinaus) verfügen – gewonnen in breiter Kooperation und mit den modernsten Methoden.
Ivanov & Böhme 2009 kommen bei ihrer Analyse der (jüngeren!) Schlangenfauna aus dem frühen Badenium von Griesbeckerzell [Snakes from Griesbeckerzell (Langhian, Early Badenian), North Alpine Foreland Basin (Germany), with comments on the evolution of snake faunas in Central Europe during the Miocene Climatic Optimum;
http://www.bioone.org/doi/abs/10.5252/g2011n3a2 ] sogar zu noch höheren Jahresmitteltemperaturen (Zitat:
“Temperature estimates combined with palaeobotanical data indicate a warm, subtropical climate with mean annual temperatures of 18.6 to 20.8°C, cold month temperatures with 12.6 to 13.3°C, and warm month temperatures with 25.1 to 28.1°C.”), was aber wohl nicht verallgemeinert werden sollte.
Wenn also
Gregor 1980 schreibt,
„Das Vorkommen von eindeutigen Palmresten in einer fossilen Flora Bayerns läßt […] erwarten als auch ein Klima, das u. a. durch eine Jahresmitteltemperatur nicht weniger als 17°C und eine Regenmenge von vermutlich nicht weniger als 1000 mm gekennzeichnet ist“dann ist aus heutiger Sicht dazu zu sagen, dass diese Bedingungen fürs Karpatium – auch bei eher konservativer/restriktiver Auslegung der Daten, zumindest erfüllt, wenn nicht sogar übererfüllt sind. Einer Akzeptanz der Palmen aus Rauscheröd als synchron-parauthochthon (zwar gering transportiert – und zwar vor der Silifizierung!, aber gleichzeitig zu den Sedimenten, in welchen sie eingebettet sind), sollte also nichts mehr im Wege stehen.
Siehe im Lexikon:
Korneuburger Becken / Teiritzberg (Links und Literaturangaben):
https://www.mineralienatlas.de/?l=22910Rauscheröd (Links und Literaturangaben):
https://www.mineralienatlas.de/?l=46106