Bleßberghöhle
Jetzt zählt vor allem eines: ÖffentlichkeitForscher und Politiker plädieren für eine weitere Erschließung der Wunderwelt unter dem ICE-Tunnel
Von Thomas Schwämmlein
Sonneberg – Die Blessberghöhle, die beim Vortrieb des ICE-Tunnels am gleichnamigen Berg zutage trat, ist eine Jahrhundertentdeckung, über die übrigens Freies Wort als erste Tageszeitung ausführlich berichtete.
Sonneberg – Die Bleßberghöhle, die beim Vortrieb des ICE-Tunnels am gleichnamigen Berg zutage trat, ist eine Jahrhundertentdeckung. Das Interesse daran ist riesengroß, wie das Forum Freies Wort vor Ort und der Volkshochschule am Montagabend zeigte. Fast 400 Gäste aus Sonneberg und den angrenzenden oberfränkischen und südthüringischen Landkreisen kamen in den Großen Saal des Gesellschaftshauses – Rekord für diese Veranstaltungsreihe.
„Was ich hier gesehen habe, verschlägt mir die Sprache“, musste der Sonneberger Hans Wimmer gestehen, und selbst unterirdische Wunderwelten gewohnten Höhlenforschern aus dem Sonneberger Land wie Rolf Babucke und Jens Seidler merkte man die Begeisterung beim Beschreiben dessen, was sie da unten am Bleßberg gesehen hatten, an. Redaktionsleiterin Martina Hunka, die das Forum moderierte, konnte als Gäste neben den beiden Höhlenforschern auch CDU-Landtagsabgeordnete Beate Meißner, Schalkaus Bürgermeister Reinhard Zehner und den Geschäftsführer des Naturparks Thüringer Wald, Florian Meusel, begrüßen.
Mit einer atemberaubenden Bilderstrecke und sehr plastischen Schilderungen führten die beiden Höhlenforscher Babucke und Seidler, die bei den ersten Erkundungen mit vor Ort waren, in die unterirdische Wunderwelt. Was anfänglich noch als Aprilscherz hätte durchgehen können – die Nachricht von dem sensationellen Höhlenfund drang ausgerechnet am 1. April nach außen – erwies sich nicht nur als ernste Angelegenheit, sondern obendrein noch als eine der Sternstunden für die Höhlenforschung.
Gewaltige Dimensionen
Rolf Babucke wurde nicht müde, von den gewaltigen Dimensionen, von ungewöhnlichen geologischen Phänomenen und überhaupt von der Höhle an sich zu schwärmen. Die Höhlenforscher sind auch deswegen sprichwörtlich ganz aus dem Häuschen, weil die Höhle – abgesehen von ihren Dimensionen – mit einigen „Spezialitäten“ aufwarten kann: extrem dünne Tropfsteine von erheblicher Länge, so genannte Makkaronis, und Tropfsteine, die sich um die Schwerkraft gar nichts scheren und dorthin wachsen, wo ihnen gerade der Sinn steht. Ein Eintrag in die Forschungsgeschichte ist der Höhle damit schon sicher. „Jeder Quadratmeter Höhlenboden ist ein Rätsel für sich“, sagte Babucke.
Entdeckt wurde beim Tunnelvortrieb ein ganzes Höhlensystem, das sich östlich wie westlich des Tunnels erstreckt. Und erst kürzlich kam ein weiteres Höhlensystem dazu, das allerdings stärker verbrochen war. „Als wir ankamen, hatten die Tunnelbauer bereits 500 Kubikmeter Beton in einen Hohlraum verfüllt“, bemerkte Babucke. Vergebliche Bemühungen, meinte der Höhlenforscher, denn um das gesamte System zu füllen, hätte man an die 200 000 Kubikmeter Beton benötigt. Eine Bemühung, die nicht nur überflüssig, sondern auch höchst fragwürdig wäre. Denn wie die Höhlenforscher bemerkten, müsse der Wasserdurchfluss des Höhlensystems alleine schon wegen der Standsicherheit der späteren Bahnstrecke gewährleistet werden.
Damit war die große Unbekannte im Spiel um die Jahrhundertentdeckung genannt – die Deutsche Bahn als Bauherrin des Tunnels. Ins Zeug gelegt haben sich für die Höhle unter anderem Landtagsabgeordnete Meißner und Naturparkchef Meusel. Die Politikerin bekannte: „Ich habe mich, kaum war die Höhle entdeckt, sofort auf den Weg gemacht.“ Bewaffnet mit Bildern und der starken medialen Rückendeckung aus der Region unternahm Meißner den Gang durch Ministerien und eben auch zur Bahn. Im Thüringer Landtag war die Höhle bereits Gegenstand von Beratungen im Umweltausschuss und im Plenum gewesen. Der Fakt ist in Erfurt bekannt, aber auch die Untiefen der Bürokratie.
Lücke im Gesetz
Tatsächlich, so musste Meißner einräumen, gebe es einen blinden Fleck im Gesetz, in dem genau die Bleßberghöhle liege. So schützt das Naturschutzgesetz von außen zugängliche Hohlräume oder solche Räume, in denen etwas Schützenswertes lebt. Das ist aber nun genau im Fall der Bleßberghöhle nicht der Fall, denn weder ist bis jetzt ein Zugang nach draußen bekannt, noch wurde eine Fledermaus oder etwas Ähnliches in dem Höhlensystem gesichtet. Höhlenforscher Jens Seidler sieht aber genau hier Nachbesserungsbedarf im Gesetz: „Die Bedeutung des Geotops Bleßberghöhle kann doch nicht einfach vom Tisch gewischt werden. Es kann nicht sein, dass ein Frosch mehr gilt als ein ebenso bewahrenswertes Geotop wie die Blessberghöhle.“
Der Weg zur Schauhöhle
Viele im Saal bewegte aber noch eine ganz andere Frage. „Haben wir denn eine Chance auf eine Schauhöhle?“, wollten nicht wenige der Gäste wissen. Vorsichtige Signale in Richtung einer touristischen Nutzung kamen in den vergangenen Woche immer wieder. Beate Meißner konnte auf Gespräche mit dem Wirtschaftsministerium verweisen, das durchaus bereits sei, das Projekt einer touristischen Erschließung zu fördern – in nicht unerheblicher Höhe. Allerdings sei es zu positiven Aussagen generell noch zu früh, bemerkte Bürgermeister Reinhard Zehner (CDU), einer der frühesten Verfechter des Höhlentourismus.
Während Meißner und Zehner in den vergangenen Wochen überwiegend den Weg durch die staatlichen Instanzen marschierten, wagte Naturparkchef Florian Meusel den Frontalangriff auf die Deutsche Bahn. Er hatte vor wenigen Tagen einfach ein braunes Wegweiserschild mit „Blessberghöhle“ beschriften lassen, fuhr nach Berlin und stand am Potsdamer Platz bei der Konzernzentrale der Deutschen Bahn vor der Haustür. „Ich hatte mir natürlich vorher Rückendeckung geholt“, meinte Meusel verschmitzt während der Diskussion. Bis zum Vorstand konnte er vordringen und die Fotos von der Blessberghöhle sollen am Potsdamer Platz mächtig Eindruck gemacht haben. Gehandelt hat auch der Trägerverein des Naturparks Thüringer Wald. „Die Mitglieder des Verbandes haben am 7. Mai beschlossen, das Projekt Höhle gemeinsam zu tragen“, sagte Meusel. Das liegt auch recht nahe, denn die Naturparkroute durch das Verbandsgebiet führt unmittelbar an der Höhle vorbei. „Es geht doch um eine wunderschöne Landschaft, die wir unseren Gästen zeigen wollen – eine Landschaft oberhalb und unterhalb der Erde“, sagte Meusel.
„Wie steht denn der Höhlenforscherverein zu den Vorhaben der touristischen Nutzung?“, wollte Wolfgang Sack aus Sonneberg wissen. Bestehe da nicht auch die Gefahr, dass viel von der Schönheit durch die notwendigen Baumaßnahmen zerstört würde, meinte Sack, der sich auch einen Nachbau der Höhle in einer Halle vorstellen könne.
Eine „Kopie“ der Höhle sei zwar durchaus möglich und in einigen Regionen Europas sei so etwas auch schon realisiert worden, meinte Höhlenforscher Seidler. „Aber eine Erschließung der Höhle wäre auch im Interesse ihrer weiteren Erforschung auf jeden Fall wünschenswert“, betonte Seidler. Bevor dies erfolgen könne, so Seidler, müsse aber erkundet werden.
Dazu stehe man mit der Deutschen Bahn und den zuständigen Behörden in Kontakt. Erst dann, wenn man über das gesamte Höhlensystem Bescheid wisse, könne man sich an die Erschließung machen. In jedem Fall, das betonten sowohl die Höhlenforscher wie die Politiker im Podium, müsse dann ein separater Zugang geschaffen werden.
Vor allem aber müsse man mit konkreten Projekten aufwarten, bemerkte Landtagsabgeordnete Meißner in der Diskussion. „Bevor Fördermittel beantragt werden können, muss ein touristisches Nutzungskonzept vorliegen“, sagte die CDU-Politikerin.
Nun kreuzen sich aber noch immer im Bereich Blessberg Eisenbahntunnel und Höhle. „Es geht nicht ohne Bahn“, bemerkte Moderatorin Martina Hunka, die darauf verwies, dass die SPD-Bundestagsabgeordnete Iris Gleicke aus der Region stamme und ja auch Tunnelpatin am Blessberg sei.
„Auch die Bundesrepublik steht unseren Interessen positiv gegenüber“, sagte Schalkaus Bürgermeister Reinhard Zehner (CDU). Mit Gleicke habe er bereits Kontakt aufgenommen und sie habe Unterstützung signalisiert. Vor allem aber lokalisiert Zehner auch ein Umdenken bei der Deutschen Bahn. „Die Deutsche Bahn wird die Erkundung unterstützen“, versicherte Zehner. Und Florian Meusel ergänzte, dass für die Bahn mit der Höhlenerschließung ja durchaus auch ein positives Image verbunden sei.
Indessen wurde das Fehlen von Vertretern der Bahn in der Diskussion beklagt. „Wir sehen die Bahn hier in einer Verpflichtung“, sagte Jens Seidler.
Hilfreich könne auf jeden Fall aber die Öffentlichkeit sein, war das abschließende Urteil der Vertreter im Podium. „Ohne Öffentlichkeit geht gar nichts“, meinte Florian Meusel.
Er verglich dabei die Angelegenheit Blessberghöhle mit der 380-kV-Leitung. Auch bei der Freileitung quer durch den Thüringer Wald habe man nur deswegen eine gute Verhandlungsbasis erreicht, weil man frühzeitig das Thema in die Öffentlichkeit getragen habe.
In die Öffentlichkeit tragen – so lautete auch der Appell der Höhlenforscher, die dafür bei den Gästen viel Resonanz fanden. Neben den Spendenbehältern für die Finanzierung der weiteren Erforschung der Höhle füllten sich auch die ausgelegten Unterschriftenlisten, mit denen gegenüber Politik und Unternehmen Deutsche Bahn das große öffentliche Interesse bekräftigt werden soll.
Quelle:
http://www.freies-wort.de/nachrichten/regional/sonneberg/sonneberglokal/art2407,823334