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Autor Thema: Wie war's denn wirklich  (Gelesen 9281 mal)

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Offline uwe

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Wie war's denn wirklich
« am: 09 Aug 09, 16:24 »
Die Diskussion zum Thema „Wie viele aktive Mineraliensammler gibt es in Deutschland“ zeigt, dass (vermutlich) die Mehrzahl der Sammler in den alten Bundesländern über die Situation der Sammler in der ehemaligen DDR keine rechte Vorstellung haben. Das ist nicht verwunderlich, den die Fernsehspiele zum Alltag in  der DDR zeigen meist überspitzte Ausnahmesituationen. Berichte, wie’s denn so war, interessiert im Osten keinen, denn jeder kennt die Situation aus eigener Erfahrung und das Interesse im Westen wird sich auch in Grenzen halten.

Ohne hier eine Konfrontation gegen en Beitrag von Ulrich zu machen (den ich als Forumsmitglied sehr schätze) denke ich, man sollte mal einige Fakten hier festhalten, um unsere Forumsfreunde aus den alten Bundesländern über das Sammeln in der DDR besser zu informieren.

Also allgemein: Auf ein Auto musste man keine 5 sondern duchschnittlich 15 Jahre warten. Benzin gab es immer unbegrenzt, natürlich ohne Bezugschein. Längere Schlangen an den Tankstellen an Wochenenden rührten daher, dass es nur in wenigen Großstädten und an den Autobahnen Sonntagstankstellen gab.

Sammeln war nicht verboten. Es gab den Kulturbund, in welchem alles was irgendwie ein Hobby war (Briefmarken, Modellbau, Insektenkunde, Minerale usw.) vereinsmäßig organisiert war. Entsprechende Fachgruppen gab es in den meisten Städten. Die monatlichen Zusammenkünfte waren völlig unpolitisch und allein dem Hobby gewidmet.  Ein Zwang Mitglied zu werden bestand nicht. Es gab allerdings zahlreiche Vorteile dort organisiert zu sein:

In den von der jeweiligen Fachgruppe organisierten Exkursionen hatte man die Möglichkeit, legal in Steinbrüchen oder sogar Untertage zu suchen.

Die Mitgliedschaft im Kulturbund wurde als wertvolle gesellschaftliche Tätigkeit gewertet und war ein Pluspunkt in der Kaderakte (Personalakte).

Den meisten Fachgruppen stand zu den Zusammenkünften ein Stereomikroskop zur Verfügung, etwas was damals doch relativ selten war.

Regional unterschiedlich war das Verhältnis der Mineralien- zu den Fossiliensammlern. Auf den weiter unten erwähnten Tauschtagen gab es jedoch immer wesentlich mehr Mineralien- als Fossiliensammler. Ich bin daher der Auffassung, dass das Fossiliensammeln nicht so verbreitet war.

Das Sammeln war grundsätzlich nicht verboten. Allerdings waren alle Bodenschätze und Minerale Volkseigentum. Sammeln war somit die private Aneignung von Volkseigentum, was eigentlich verboten war, aber solange dahinter kein kommerzieller Zweck stand, ohne weiteres geduldet wurde. Eine Sammelerlaubnis gab es wie bereits an anderer Stelle gesagt, aber mir ist nicht bekannt, dass irgendein Sammler mal danach gefragt wurde.

Die Aneignung von Volkseigentum wurde allerdings als Straftat gewertet, wenn jemand Minerale z.B. nach dem Westen verkauft hat. Das war einzig der Koko von Herrn Schalck-Golodkowski vorbehalten.

Natürlich bestanden keine Einschränkungen, die Gegenden, in denen die Wismut zu Gange war, zu besuchen. Gesperrt war nur das Grenzgebiet und natürlich die militärischen Areale. Zu letzteren gehörten leider auch zahlreiche interessant Gebiete, vor allem rund um Schneeberg und Marienberg

Halden waren Betriebsgelände und damit für nicht Betriebsangehörige gesperrt. Zäune gab es nur an wenigen Halden, so dass man mit etwas Vorsicht und immer den Fluchtweg im Auge behaltend, durchaus dort suchen konnte. Das Auto war an möglichst etwas entfernt und unauffällig zu parken. Schlechtes Wetter war immer gut, denn die Wachmannschaft der Polizei saß dann doch lieber in der warmen Wachstube. Ähnlich war es in den Steinbrüchen. Hier wachte zwar nicht die Polizei, aber manchmal war ein Wachdienst (mit Hund!) anwesend.

Als Kulturbundmitglied hatte man, falls man mal erwischt wurde, einen Bonus und kam meist mit einer Verwarnung davon.

Es gab auch einige wenige Bergwerkshalden (die nicht zur SDAG Wismut gehörten) auf denen Sammler geduldet wurden.

Da ein kommerzieller Hintergrund (siehe oben) nicht gestattet war, gab es keine Börsen, sondern sogenannte „Tauschtage“. Es wurde allerdings nicht  nur getauscht, sondern manche  Stufe wechselte auch gegen Geld den Besitzer. Solange das im Rahmen blieb gab es auch hier keine Probleme.

Gruß
Uwe

Offline geologe

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Re:Wie war's denn wirklich
« Antwort #1 am: 09 Aug 09, 18:27 »
Hallo Uwe,

Prima Beitrag der mit einigen verworrenen Vorstellungen über das Sammeln in der DDR aufräumt. Die Filme sind in der Tat sehr überspitz und haben mit dem realen Leben/sammeln wenig zu tun. Ich war selbst Mitglied im Kulturbund und erinnere mich an viele Tauschtage mit anschließenden gemütlichen beisammen sein. Tauschen ist inzwischen wohl völlig aus der Mode gekommen da alles nur noch in Euronen gemessen wird.
Bei unseren Tauschtagen ging es wirklich ohne Politik ab. Aber manches Scheinchen hat auch seinen Besitzer gewechselt. Bei der derzeitigen Berichterstattung in den Medien scheinen einige Leute zu glauben das hinter jeden Sammler ein Stasi-Agent gestanden hat. Ich habe mein Hobby jedenfalls 30 Jahre lang ungestörrt ausüben können.

Gruß

Jürgen

Offline loismin

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Re:Wie war's denn wirklich
« Antwort #2 am: 09 Aug 09, 19:07 »
Hallo Uwe.

Ich finde das sehr gut daß sich hier mal jemand aus dem ehemaligen Osten bereit zeigt
hier zu schreiben wie es wirklich war.
Natürlich hat es uns damals kaum interessiert was da bei euch mit Sammeln so los war bis auf wenige Ausnahmen,
da wir ja meinten da kommen wir eh nie hin.

Übrigens noch ein Wort zum Tauschen, das funktioniert gerade noch bei MM aber bei Großstufen aus mehreren Gründen nicht.
Und das hat nicht mal unbedingt was mit Geld zu tun.
Das größte Problem ist meistens daß sich viele Sammler nur auf bestimmte Fundstellen oder Regionen beschränken.
Wer da viel zu Tauschen hat, für den haben halt die anderen meistens nicht die richtigen Stücke.
Und wie soll ein Anfänger an gute Stücke kommen ? Der hat ja meist nicht ein adäquates Stück zum Tauschen.
Wir haben das in Traunstein und Salzburg auch schon probiert aber über einen einmaligen Versuch ist es meist an  Mangel an Interesse
nicht hinausgekommen.


Gruß
Loismin

Offline Embarak

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Re:Wie war's denn wirklich
« Antwort #3 am: 09 Aug 09, 20:35 »
Hallo,
Schöner Beitrag,Uwe !!
Ergänzend möchte ich zufügen,daß es auch in der Vorwendezeit  einen regen wissenschaftlichen Dialog
zwischen Ost- und West-Minerologen gab.Einige haben sicherlich noch das "Lehrbuch der Mineralogie"von Prof.H.J.Rösler
im Regal (VEB Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie,Leipzig),neben Strunz' "Mineralogischen Tabellen" ein Standardwerk.
In meiner 3.Auflage von 1984 wird bereits im Vorwort zur 1. Auflage (erschienen ??) die Zusammenarbeit mit Prof.H.Strunz
von der TU Berlin (West)  und Prof.P.Ramdohr,Heidelberg lobend erwähnt.
Die mit dieser Zusammenarbeit verbundenen Reiseaktivitäten wurden mit Sicherheit von den Überwachungseinrichtungen beider Systeme
mit Argwohn beobachtet,es wurde aber nicht eingegriffen.
Embarak
(ehem."selbstständige politische Einheit Westberlin")

Offline uwe

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Re:Wie war's denn wirklich
« Antwort #4 am: 09 Aug 09, 21:43 »
Danke Norbert,

habe erst jetzt diese Zeilen in meinem Rösler gelesen.

Ich vergaß in meinem Bericht auch noch, das Standardwerk der Ostsammler zu erwähnen: "Einheimische Minerale" von H. Vollstädt. Ich schätze mehr als 50% aller Ostsammler haben mit diesem Buch in der Hand - unter anderen auch ich - angefangen zu sammlen, da hier auch Bescheibungen und Kartenskizzen der Fundstellen (nicht allzu genau) enthalten waren. Dieses in mehreren Auflagen erschienene Werk zeigt, daß die Sammlertätigkeit durchaus nicht unerwünscht war.

Uwe

Offline schnurps

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Re:Wie war's denn wirklich
« Antwort #5 am: 09 Aug 09, 22:22 »
 Hallo,
ich finde den Beitrag von Uwe sehr aufschlussreich,da er vielleicht mal hilft gewisse Vorurteile abzubauen.
Ich habe ca 1980 angefangen zu sammeln und es gab in Flöha(Sachsen) eine Fachgruppe Geologie.Sie hatte eigene Räumlichkeiten und wurde von einem sehr fähigen Geologen(Rudolph Birr) geleitet.
Er hat massgeblichen Anteil daran,dass viele Sammler und Nichtsammler unsere Gegend kennenlernten.Auch geologisch(Rutsch,Metzdorfer Rücken,Kunnerstein usw.)
Heute ist diese Gruppe in alle Winde zerstreut aber ich erinnere mich gern daran,wie ich ehrfürchtig vor Seinen Vitrinen stand....
Von den Büchern hatte ich mir Vollstädt's"Einheimische Minerale" und "Einheimische Edelsteine" bei einem Freund geliehen.Das Buch"Minerale" von Rolf Seim konnte ich in der Bibliothek ausleihen.
Leider gab es diese Bücher nur unter dem Ladentisch zu kaufen und ich hatte damals noch kaum Beziehungen.
Wenn ich heute in diesen Büchern blättere merke ich,dass viele "Wismut-Gebiete" darin nicht beschrieben wurden.
Schlema,Ronneburg,usw.fehlen bis auf Fotos von ausgewählten Mineralien völlig.
Dort zensierte die DDR,da der Uranabbau strategisch sehr bedeutend war und keinesfalls etwas für den Klassenfeind....:-)

Wie immer es auch gewesen ist,ich hatte als Jungsammler immer eine helfende Hand zur Seite und dafür bin ich ankbar.

Liebe Grüsse von Schnurps
 

Offline gladhammar

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Re:Wie war's denn wirklich
« Antwort #6 am: 10 Aug 09, 09:15 »
Hallo Uwe,

schöner Beitrag. Ich als ehemaliger "ostler" kann dem nichts hinzufügen. Auch ich habe eine schöne Zeit im Kulturbund verbracht.
Allerdings in der Fachgruppe  Späleologie, wo wir allerdings auch Mineralien sammelten. Gerne erinnere ich mich an die Zeit zurück.
Leider musste ich aus beruflichen Gründen nach Berlin verziehen und da war es sowohl mit den Mineralien als auch mit der  Späleologie vorbei.

Glück Auf
Detlef

Offline Jochen1Knochen

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Re: Wie war's denn wirklich
« Antwort #7 am: 23 Jan 11, 21:17 »
Hallo!
Habe gerade gesehen,daß meine Sammelgenehmigung nicht mehr so richtig auf dem aktuellen Stand ist :'(

Offline Wittgold

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Re: Wie war's denn wirklich
« Antwort #8 am: 23 Jan 11, 23:04 »
Jochen, Jochen,  :-*, Du bist voll aktuell.

Mit dem Ding hatteste ja noch die Sicherheit am A.....in der Hoffnung, von Dir was abzusahnen.

Viele Grüsse

Offline Micha

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Re: Wie war's denn wirklich
« Antwort #9 am: 24 Jan 11, 15:10 »
Danke auch meinerseits für die Richtigstellungen / Informationen, was uns als ostdeutsche Sammler betraf/betrifft.
Ich kann mich noch gut an die Tauschtage z.B. in Aue erinnern. Auch wenn wir als junge Spunde wenig auf unseren Tischen zu liegen hatten, so ging doch immer was, manchmal auch geschenkt.
Sicher ist es an dem, dass viele Sammler sich speziell ausrichten, häufig regional und das so insgesamt das Tauschen erschwert wird. Und dabei mache ich mittlerweile keinen Unterschied mehr zwischen MM, KS oder HS. Wenn man mal die Preise auch für KS von heute vergleicht mit dem gefühlsmäßigen Handling vergangener Jahre, wird mir ganz komisch. Aber egal wie: was bleibt, sind die vielen Stufen und Stüfchen, die beim Selbersammeln einfach mit anfallen und nach Reinigung/Begutachtung nicht in der Sammlung, sondern im Depot landen. Welcher Sammler aber verkauft wirklich mit monitärem Gewinn selbst gesammelte Stücke? Sind wir da nicht alle so orientiert, nur einwandfreie Stufen ohne Macken - wenn überhaupt - zu kaufen? Sind aber gerade viele Depot-Stufen nicht 100% optimal? Demzufolge kaum zu verkaufen...
Ich glaube daran,
1. dass kein Stein mit Preisschild gefunden wird
2. dass jeder aktive Sammler mehr findet, als in seiner Sammlung Platz finden kann
3. dass unsere Lobby als Sammler u.a. auch verbessert werden kann, indem wir unseren Nachwuchs unterstützen
4. dass es durchaus auch Freude bereitet, Steine an interessierte Menschen zu verschenken.
Zum Wegwerfen zu schade, zum Verkauf ungeeignet. Das ist unser Hauptargument für den Gedanken des Tauschens und Verschenkens an unseren Nachwuchs beim Tauschtag am 12. Februar in Mühlau. Je mehr sich daran beteiligen, auch wenns nur paar Stufen sind, umso interessanter wird es für alle Teilnehmenden. Auch an unbedeutend ausschauenden Stücken kann man sich erfreuen, wenn man sich damit beschäftigt. Und sei es nur der Grund, besseres selbst finden zu wollen...

Offline Conny3

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    • Geologie, Mineralogie und Fossilfunde im Raum Jena
Re: Wie war's denn wirklich
« Antwort #10 am: 24 Jan 11, 18:08 »
Hallo,
die Aussagen von Uwe und auch die von den anderen kann ich nur bestätigen. Wir hatten damals auch so einen rührigen Fachgruppenleiter (Herrn W. Fischer), dem ich viel zu verdanken habe. Er organisierte viele Exkursionen. Es gab da auch gute Erklärungsblätter mit Skizzen etc. auf "Ormig" (so hieß das wohl damals?) vervielfältigt. Ich werde einmal so einen Exkursionsplan hier demnächst reinstellen. Spaß gab es auch immer wieder. Manchmal waren wir der Grenze sehr nahe (zum Bsp. bei Stedtfeld/Eisenach) und wurden kontrolliert. Da war es gut wenn man an einer vom Kulturbund organisierten Wanderung teilnahm. Regelmässig wurde man im Zug nach Wurzbach (zum Bsp. wenn es auf den Henneberg gehen sollte) schon ab Saalfeld durch die sogenannte "Transportpolizei" (kurz TRAPO) kontrolliert. Herr Fischer wurde wohl auch in den 60er Jahren schon einmal in Sparnberg festgenommen, obwohl er dienstlich dort war und nebenbei nach den Granaten dort schauen wollte. Da sah man seine Steine und lies ihn wieder frei. So einen Sammelausweis hatte ich auch. Sogar einen Kontrollausweis, der noch vor der Wende ausgestellt wurde. Der kam nie zum Einsatz. Es war auch nur ein Papier. Ich glaube das ich davon schon einmal ein Bild hier eingestellt hatte (der war wohl rot?). Den muss ich auch wieder einmal suchen. Wir hatten hier als Fachgruppenleiter sogar eine Liste über alle Fossiliensammler der DDR, die sich in diese Liste eingetragen hatten. Das war im Zusammenhang mit Kontakten zu anderen Sammlern gar nicht so schlecht. Da könnte ich noch so manches erzählen... na vielleicht demnächst.........
Der Conny 

gefunden:
http://www.mineralienatlas.de/forum/index.php/topic,15738.msg140378.html#msg140378
« Letzte Änderung: 24 Jan 11, 18:16 von Conny3 »

Offline doe

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Re: Wie war's denn wirklich
« Antwort #11 am: 24 Jan 11, 18:33 »
Hi Conny,
die Liste stammte von den Berlinern und  enthielt ursprünglich alle Geschiebesammler.(existiert noch) Ich tauch mal ins Archiv,hab bestimmt noch Exkursionspläne der KMU oder von Geschiebesammlertreffen.
Gruß Günter

 

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