Hallo,
da die geologischen Strukturen, in denen sich Erdöl bildet und ansammelt, nicht nur in Jura und Kreidezeit zustande kamen, sondern sich auch in nachfolgenden Perioden gebildet haben und teilweise ihre Bildung bis heute nicht abgeschlossen ist, entsteht natürlich auch nach wie vor laufend neues Erdöl (wenn auch bei weitem nicht in der Menge, wie es die Produktivität der Biomasse während der Treibhauszeit in Jura und Kreide erlaubt hat). Der Knackpunkt ist nur, dass Erdöl nicht gleich Erdöl ist. Um für den Menschen technisch verwertbar zu sein, muss es in einem bestimmten Reifegrad (man spricht hier von der Maturität des Erdöls) vorliegen - die Kohlenstoffketten müssen in einer bestimmten Länge vorliegen, komplexe organische Restverbindungen müssen abgebaut sein, und Spurenelemente wie Schwefel sollten weitgehend entfernt sein. Ansonsten würde die Renigung und Raffinierung der geförderten Substanz mehr Energie erfordern, als die Endprodukte später wieder freizusetzen in der Lage sind. Und um diesen erforderlichen Maturitätsgrad zu erreichen, sind geeignete geologische Bedingungen und viel Zeit erforderlich. Es geht einfach nicht, dass eine Lagerstätte innerhalb eines Menschenlebens flux neues Erdöl "nachproduziert".
Das Verhältnis zwischen der zur Gewinnung und Raffination aufgewendeten Energie und dem Energiegehalt des Endprodukts ist übrigens DER Faktor, der mehr noch als die grundlegende Kapazität der derzeit bekannten Lagerstätten das Ende des Erdölzeitalters definiert: Wenn wir Erdöl bzw. seine Produkte überwiegend zur Energieerzeugung nutzen, kommen wir schneller an den Punkt, dass uns zwar nicht das Öl, wohl aber die Energie zu seiner Gewinnung ausgeht, nämlich dann, wenn wir mehr Erdöl-erzeugte Energie benötigen, um es zu gewinnen, als die gewonnene Menge anschließend an Energie freizusetzen in der Lage ist.
Wie Doc Diether sagt, ist es im Prinzip keinerlei Problem, quasi beliebige Mengen "Erdöls" in ganz kurzer Zeit künstlich zu synthetisieren, solange die benötigte Menge an Biomasse vorhanden ist. Dies ist seit Jahrzehnten bekannt. Das Problem ist nur, dass enorm viel Energie in diese Synthese gesteckt werden muss, was sie völlig unrentabel macht, und "unrentabel" ist nicht in pekuniärer Hinsicht gemeint. Was Erdöl und seine Produkte als "Spezialanwendungen" in der Pharmazeutik, Technik, Chemie etc. angeht: Die in diesen Zweigen benötigten Mengen wären mit entsprechendem Energieaufwand aus Klärschlamm, Mist, Gülle, Biomüll, Pflanzenabfall usw. herstellbar -
aber nicht, wenn wir Erdöl verbrennen müssen, um diese Energie zu erzeugen!Stimmten ihre Resultat, würde Erdöl ständig neu entstehen und die Ölindustrie müsste mit der Suche nach dem Rohstoff erst richtig anfangen.
"Stimmten die Resultate" muss zuerst einmal untersucht werden, von welchen Mengen ausgegangen werden kann. Und bei allem Respekt für die Fortschritte in der Bohrtechnik - wir kratzen bisher mit den tiefsten Bohrungen gerade einmal an der Oberfläche der Erdkruste! Wer glaubt, dass es vor dem Peak Oil (oder jemals) möglich sein wird, in 120 bis 240 km Tiefe (!) vorzudringen, ist ein hoffnungsloser Utopist. Die dazu benötigten Werkstoffe, die in der Lage wären, den dort herrschenden Drücken und Temperaturen standzuhalten, wären so grandios, dass sie uns ohnehin bspw. den Bau von Fusionsreaktoren oder riesigen Solarkraftwerken in der Erdumlaufbahn erlauben würden - das ist auch nicht utopischer als das andere. Alles andere wäre so, als hätte der Mensch den Laser und den Computer nur erfunden, um einen möglichst ebenmäßigen Faustkeil aus einem Stück Stein schneiden zu können, um damit optimal auf die Jagd gehen zu können...
Ich kann nur eindringlich davor warnen, das "Ende des Öls" sowohl überdramatisch als das Ende der Menschheit zu fürchten, als auch überoptimistisch sich an jeden Strohhalm zum Thema "anorganisches Erdöl", "Erdölneubildung" oder "künstliche Synthese" zu klammern, sondern sage einfach, dass jeder allmählich erkennen muss, dass Erdöl nicht mehr sinnlos in unvorstellbaren Mengen durch Automotoren und Kraftwerke gejagt werden kann, und dass hierfür schnell Alternativen gefunden und ausgebaut werden müssen. Alles andere erinnert fatal an den Ackerbau in der Wüste nach dem Motto: "Das Wasser wird weniger - macht nix, dann machen wir den Brunnen tiefer - und wenn der irgendwann nicht mehr tief genug ist? - dann machen wir ihn noch tiefer - dann brauchen wir aber Zugtiere, die das Wasser fördern, und die brauchen Wasser - kein Problem, dann bauen wir noch ein paar neue Brunnen um sie zu versorgen"

Gruß,
Rainer
PS: Was ist eigentlich aus der Kalten Fusion geworden?
