Hallo Jens,
typisches Sommerlochgeschwurbel. Ein Aquarium ist kein paläontologisches Institut, und wahrscheinlich wurde deren Geschwafel vom Journalisten durch Unkenntnis der Sachverhalte noch weiter übertrieben.
Thesen des Artikels:
1. Große Austern ("10 mal so groß wie eine normale Auster") sind unheimlich selten.
2. Wenn eine so große Auster eine Perle enthält muss diese riesig sein.
3. Tomographisch wurde ein 10x8 cm großes Objekt im Innern der Auster entdeckt. Es könnte sich um eine Perle handeln.
Ad 1) Fossile Riesenaustern sind nicht selten. Bsp. Gattung
Crassostrea (Tertiär-rezent), die Gattung die die größten bekannten Austern stellt. Exemplare über 40 cm Länge sind durchaus häufiger, als Riffbildner kommen sie gesteinsbildend vor. Man findet sie überall in Europa in tertiären Meeressedimenten. Auch in der Kreide gab es schon sehr große Austern.
Ad 2) Die Riesenaustern sind nicht primär deshalb so groß weil sie einen großen Weichkörper besaßen. Sie bestehen zu 80%-90% aus Schale, der Weichkörper - und der zugehörige Hohlraum dafür zwischen den Schalenklappen - ist im Verhältnis dazu sehr klein. Das erklärt sich zum einen aus ihrem Lebensraum - Brandungszone (dicke Schale als Panzerung gegen Beschädigungen und als Gewicht, um nicht losgerissen und herumgewirbelt zu werden) - und zum anderen aus einem "Rüstungswettlauf" gegen bohrende Organismen die seit der Kreide verstärkt auftraten. Wenn sich eine Bohrmuschel oder Bohrschwamm pro Jahr 5 bis 10 mm in eine Schale bohrt muss die Auster mindestens so viel Schale an der Innenseite zulegen, oder sie wird durchsiebt. Die Größe der Riesenaustern resultiert also nicht aus einer langen Lebensspanne des Individuums, sondern aus extrem schneller Schalenbildung.
In diesem Wettlauf hat die Auster wenig Interesse daran, viel Calciumkarbonat auf das Umhüllen eines in sie eingedrungenen Objekts zu verschwenden. Sie steckt stattdessen so viel wie möglich in die Schale. Es gibt keinen linearen Zusammenhang zwischen Schalen- und Perlengröße. Der verallgemeinerte Schluss "je größer die Auster desto größer die Perle" ist damit grundsätzlich falsch.
Ad 3) [Edit: Während ich das schrieb ist Smoeller schon auf die Aragonit-Problematik eingegangen]
Es könnte auch sonst alles mögliche sein, ggf. nur konkretionär mineralisiertes Sediment.
Austernschalen bestehen aus Calcit, Austernperlen aus Aragonit (dem Aufbau aus radialstrahligen Aragonitkristallen ist der besondere Perlenglanz zu verdanken). Calcit hat ein gutes fossiles Erhaltungspotenzial, Aragonit ein sehr schlechtes. Bis auf wenige Spezialfälle kommt höchstens eine primäre Umwandlung in/sekundärer Ersatz gegen Calcit vor. In den grobporigen Sedimenten der Austernriff-Fazies ist jedoch fast immer die ersatzlose Auflösung von Aragonit an der Tagesordnung. Die Chance, dass im Innern einer fossilen Auster eine Perle schlummert ist daher sehr, sehr, sehr gering (aber nicht völlig unmöglich, entsprechende fossile Belege sind bekannt, aber fast an einer Hand abzuzählen). Dass die Perle noch in Aragonitsubstanz mit der perlenüblichen Kristallisation vorliegt ist nahezu ausgeschlossen. Wenn überhaupt, wird der Paläontologe einen Calcitbatzen in der Hand halten, und der ist garantiert nicht "mehrere hunderttausend Euro wert", sondern höchstens von wissenschaftlichem Interesse.
Fazit: Man nehme ein Satellitenfoto von Sibirien, zeichne an beliebiger Stelle einen Kreis von maßstäblich 5 km Durchmesser hinein, erläutere "Es besteht eine statistische Wahrscheinlichkeit > 0 dass in diesem Bereich ein Mammutkadaver im Boden liegt", füge hinzu: "Aus Naturschutzgründen werden wir dort aber keine Suche oder Grabung unternehmen und können unsere Behauptung daher nicht beweisen" und füttere damit die Presse, die es unter der Überschrift "Satellit entdeckt Mammut!" veröffentlicht. Ähnlich gehaltvoll ist diese Pressemeldung mit der Auster

Gruß,
Rainer
PS: @Jens:
Zerfallnis
Geniale Wortschöpfung

Was soll sie genau bedeuten?