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Autor Thema: fossile Perlen  (Gelesen 9888 mal)

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Offline Jochen1Knochen

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fossile Perlen
« am: 26 Jul 12, 17:22 »
Hallo!
Es gibt doch da eigentlich große fossile Austernbanken.Aber bei Fundstellen auf dem Land ist wohl die Zerfallnis größer,oder?
http://www.bild.de/news/ausland/meer/riesen-perle-in-auster-25342438,view=popupAutoOverflow.bild.html
Gruß Jens

Offline smoeller

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Re: fossile Perlen
« Antwort #1 am: 27 Jul 12, 10:43 »
Hallo,

Ich denke vor allem an das Problem der Erhaltungsfähigkeit. Perlen bestehen meines Wissens aus Aragonit und der ist nun einmal eigentlich bei Normalbedingungen instabil, sollte sich eigentlich in Calcit umwandeln. Immerhin reicht schon das Mörsern mancher Aragonite, um im Pulver per Röntgendiffraktometrie auch Calcit zu finden. 100 Mio. Jahre und mit steigender Sedimentbedeckung veränderliche Bedingungen sind allemal genug, einer trägen Kinetik auf die Sprünge zu helfen. Selbst, wenn die Versenkung und Diagenese ins Aragonit-Stabilitätsfeld führt, so würde das evtl. zur Umkristallisation der Perle führen. In den meisten Fällen werden fossile Muscheln vollständig in Calciterhaltung gefunden, fossiles Perlmutt ist mir jetzt nur von manchen Ammoniten bekannt.

Glück Auf!
Smoeller

Offline triassammler

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Re: fossile Perlen
« Antwort #2 am: 27 Jul 12, 11:25 »
Hallo Jens,

typisches Sommerlochgeschwurbel. Ein Aquarium ist kein paläontologisches Institut, und wahrscheinlich wurde deren Geschwafel vom Journalisten durch Unkenntnis der Sachverhalte noch weiter übertrieben.

Thesen des Artikels:
1. Große Austern ("10 mal so groß wie eine normale Auster") sind unheimlich selten.
2. Wenn eine so große Auster eine Perle enthält muss diese riesig sein.
3. Tomographisch wurde ein 10x8 cm großes Objekt im Innern der Auster entdeckt. Es könnte sich um eine Perle handeln.

Ad 1) Fossile Riesenaustern sind nicht selten. Bsp. Gattung Crassostrea (Tertiär-rezent), die Gattung die die größten bekannten Austern stellt. Exemplare über 40 cm Länge sind durchaus häufiger, als Riffbildner kommen sie gesteinsbildend vor. Man findet sie überall in Europa in tertiären Meeressedimenten. Auch in der Kreide gab es schon sehr große Austern.

Ad 2) Die Riesenaustern sind nicht primär deshalb so groß weil sie einen großen Weichkörper besaßen. Sie bestehen zu 80%-90% aus Schale, der Weichkörper - und der zugehörige Hohlraum dafür zwischen den Schalenklappen - ist im Verhältnis dazu sehr klein. Das erklärt sich zum einen aus ihrem Lebensraum - Brandungszone (dicke Schale als Panzerung gegen Beschädigungen und als Gewicht, um nicht losgerissen und herumgewirbelt zu werden) - und zum anderen aus einem "Rüstungswettlauf" gegen bohrende Organismen die seit der Kreide verstärkt auftraten. Wenn sich eine Bohrmuschel oder Bohrschwamm pro Jahr 5 bis 10 mm in eine Schale bohrt muss die Auster mindestens so viel Schale an der Innenseite zulegen, oder sie wird durchsiebt. Die Größe der Riesenaustern resultiert also nicht aus einer langen Lebensspanne des Individuums, sondern aus extrem schneller Schalenbildung.
In diesem Wettlauf hat die Auster wenig Interesse daran, viel Calciumkarbonat auf das Umhüllen eines in sie eingedrungenen Objekts zu verschwenden. Sie steckt stattdessen so viel wie möglich in die Schale. Es gibt keinen linearen Zusammenhang zwischen Schalen- und Perlengröße. Der verallgemeinerte Schluss "je größer die Auster desto größer die Perle" ist damit grundsätzlich falsch.

Ad 3) [Edit: Während ich das schrieb ist Smoeller schon auf die Aragonit-Problematik eingegangen]
Es könnte auch sonst alles mögliche sein, ggf. nur konkretionär mineralisiertes Sediment.
Austernschalen bestehen aus Calcit, Austernperlen aus Aragonit (dem Aufbau aus radialstrahligen Aragonitkristallen ist der besondere Perlenglanz zu verdanken). Calcit hat ein gutes fossiles Erhaltungspotenzial, Aragonit ein sehr schlechtes. Bis auf wenige Spezialfälle kommt höchstens eine primäre Umwandlung in/sekundärer Ersatz gegen Calcit vor. In den grobporigen Sedimenten der Austernriff-Fazies ist jedoch fast immer die ersatzlose Auflösung von Aragonit an der Tagesordnung. Die Chance, dass im Innern einer fossilen Auster eine Perle schlummert ist daher sehr, sehr, sehr gering (aber nicht völlig unmöglich, entsprechende fossile Belege sind bekannt, aber fast an einer Hand abzuzählen). Dass die Perle noch in Aragonitsubstanz mit der perlenüblichen Kristallisation vorliegt ist nahezu ausgeschlossen. Wenn überhaupt, wird der Paläontologe einen Calcitbatzen in der Hand halten, und der ist garantiert nicht "mehrere hunderttausend Euro wert", sondern höchstens von wissenschaftlichem Interesse.

Fazit: Man nehme ein Satellitenfoto von Sibirien, zeichne an beliebiger Stelle einen Kreis von maßstäblich 5 km Durchmesser hinein, erläutere "Es besteht eine statistische Wahrscheinlichkeit > 0 dass in diesem Bereich ein Mammutkadaver im Boden liegt", füge hinzu: "Aus Naturschutzgründen werden wir dort aber keine Suche oder Grabung unternehmen und können unsere Behauptung daher nicht beweisen" und füttere damit die Presse, die es unter der Überschrift "Satellit entdeckt Mammut!" veröffentlicht. Ähnlich gehaltvoll ist diese Pressemeldung mit der Auster  ;)

Gruß,
Rainer

PS: @Jens:
Zitat
Zerfallnis
Geniale Wortschöpfung  ;D Was soll sie genau bedeuten?

Offline Jochen1Knochen

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Re: fossile Perlen
« Antwort #3 am: 27 Jul 12, 21:47 »
Hallo!
Danke für die qualifizierten Antworten!So in etwa habe ich mir das schon gedacht.Habe ich doch selber auch große 30cmAustern als Blumenbeetumrandung im Garten liegen.
Wenn da auch nur der Hauch einer Chance sein würde wäre da längst ein Abbau der Austernbänke vorangetrieben worden.
Den ersten Artikel,als das Teil gefunden wurde hatte ich auch ignoriert,aber über den jetzt nachgewiesenen Einschluß kam ich ins Grübeln,wieviel Prozent Wahrscheinlichkeit über einen reellen Perlenfund besteht und ob unter Wasser die Erhaltung von Perlen gegeben sein kann.
Tja-Rainer . Wie soll ich jetzt Zerfallnis erklären ::)
Höchstens ist das in der gleichen Deklination wie Sommerlochgeschwurbel zu suchen ;D
Gruß Jens

Offline triassammler

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Re: fossile Perlen
« Antwort #4 am: 28 Jul 12, 01:17 »
Hallo Jens,

Tja-Rainer . Wie soll ich jetzt Zerfallnis erklären ::)
Höchstens ist das in der gleichen Deklination wie Sommerlochgeschwurbel zu suchen ;D
Das ist Geschwurbel ;D

http://de.wikipedia.org/wiki/Geschwurbel

Gruß,
Rainer

Offline Jochen1Knochen

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Re: fossile Perlen
« Antwort #5 am: 28 Jul 12, 06:24 »
Hallo Rainer!
Ich hatte noch keine Zeit um die Seite Zerfallnis im Wiki einzupflegen ;D
Gruß Jens

Offline triassammler

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Re: fossile Perlen
« Antwort #6 am: 28 Jul 12, 10:40 »
Hallo Jens,

Ich hatte noch keine Zeit um die Seite Zerfallnis im Wiki einzupflegen ;D
Keine Zeit oder kein Inhalt?  ;)

Gruß,
Rainer

Offline Jochen1Knochen

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Re: fossile Perlen
« Antwort #7 am: 28 Jul 12, 12:13 »
Die Zerfallnis!
Das typische Krankheitsbild von Mineralien,Gesteinen und Fossilien.Eine Behandlung der Krankheit im fortgeschrittenen Stadium ist kaum noch möglich.Schuld daran ist die schrittweise Umwandlung in den gemeinen Wegwerfit.Den Arzt oder Apotheker zu fragen wird in den allermeisten Fällen auch keinen Erfolg mehr erlangen.
Bei Fragen und Verdacht auf diese Krankheit ist generell der Besuch des Mineralienatlas vonnöten um sich mit Tips und Tricks beraten zu lassen,damit der Fortbestand einzelner Arten dennoch gewährleistet ist.
Gruß Jens

Offline triassammler

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Re: fossile Perlen
« Antwort #8 am: 28 Jul 12, 14:35 »
Hallo Jens,

da kann ich nur noch meinen Hut ziehen und das Opus mit diesem leider unübersetzbaren Spruch würdigen:

"Verbogeny is one of many pleasurettes afforded a creatific thinkerizer."

 ;D

Gruß,
Rainer

Offline Jochen1Knochen

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Re: fossile Perlen
« Antwort #9 am: 28 Jul 12, 22:44 »
Verbogenes Englisch-das ist ....das ist...das.......
Nullo Kommentar mehr von mir! ;)
Gruß Jens

Offline oliverOliver

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Re: fossile Perlen
« Antwort #10 am: 17 Apr 13, 17:38 »
Die Meldung mag Unsinn sein (hab ich nicht mitverfolgt, und der link ist nicht mehr aktiv), was aber nichts daran ändert, dass es fossile Perlen – anscheinend gar nicht so extrem selten – gibt. Die angeblich größte stammt aus der Austernbank von Stetten bei Korneuburg (Niederösterreich) und datiert ins Karpatium (Miozän). Aber auch von weiteren Fundstellen des Wiener Beckens sind Perlen schon lange bekannt.
Meines Erachtens sind die fossilen Perlen ziemlich unspektakulär – bedingt durch die oben angesprochene Zersetzung und schlechte Erhaltung, ist aber Geschmackssache. Als Schlagzeile und cashcow für die „Fossilienwelt Stetten“ eignen sie sich allemal. Mit welchen „Perlen“ das „Schürffeld“ dort gefüttert wird, damit die Leute was finden, weiß ich nicht – ist aber wohl jedenfalls ein fake.

http://www.nhm-wien.ac.at/jart/prj3/nhm/data/uploads/mitarbeiter_dokumente/harzhauser/2008/Das_Naturhistorische_35a.pdf

http://www.nhm-wien.ac.at/jart/prj3/nhm/data/uploads/mitarbeiter_dokumente/harzhauser/2008/eschner_harzhauser2008_perl.pdf

http://freunde.nhm-wien.ac.at/aktivitaeten/Stetten2008/Fossilienwelt%20Weinviertel-Dateien/Perspektiven_2008_1.pdf

http://www.fossilienwelt.at/cda/index.php

http://www.fossilienwelt.at/files/file_39.pdf

http://www.landesmuseum.at/fileadmin/user_upload/downloads/Tier_und_Pflanze_des_Monats/02_2009_Fossile_Riesenauster_-_Crassostrea_gryphoides.pdf

http://www.bsrgf.lsr-noe.gv.at/verordnungen/2009/02/16.pdf


Literatur:
• BACHMAYER, F. und BINDER, H. 1967:  Fossile Perlen aus dem Wiener Becken. – Ann. Naturhistor. Mus. Wien 71, 1-12.
http://www.landesmuseum.at/pdf_frei_remote/ANNA_71_0001-0012.pdf
• BINDER, H. 2002: Fossile Perlen aus dem Karpatium des Korneuburger Beckens (Österreich, Untermiozän). - Beiträge zur Paläontologie 27, 259-272.

Offline oliverOliver

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Re: fossile Perlen
« Antwort #11 am: 19 Aug 13, 16:06 »
Nachträge zum Thema:
zu Stetten - Teiritzberg:
R. F. Ertl, Die Riesenaustern vom Teiritzberg. Fossilien Jg. 1 Heft 5, Sept./Okt. 1984, 219 ff.
zu Perlen aus Weinheim (Rheinhessen):
E. Schöllhorn, Eine fossile Perle. Fossilien Jg. 2 Heft 3, Mai/Juni 1985, 137 f.
vgl. auch:
http://www.mineralienatlas.de/forum/index.php/topic,1326.0.html
« Letzte Änderung: 19 Aug 13, 16:15 von oliverOliver »

 

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