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Wirbeltier Präparation mit Ameisensäure

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Tarantino111:
Hallo,
Es ist wenig über die Präparation mit Ameisensäure zu finden deshalb hab ich mir mal gedacht ich gebe meine Erfahrungen weiter, vielleicht kann ich anderen Sammlern etwas dadurch helfen. Ich bin leidenschaftlicher Fossiliensammler und sammle hauptsächlich Lias Epsilon (Altdorf, Berg usw) aber auch der Dogger und Malm gefällt mir sehr gut (Sengenthal, Bischberg usw.) Meine Wirbeltierfunde(Wirbel, Spangen, Knochen usw.) aus dem Epsilon präpariere ich mittlerweile fast ausschließlich nur mit Ameisensäure. Groben Gesteinsauftrag stichle ich zwar noch weg würde aber mit Säure alleine auch funktionieren.
Ich kann nur meine eigenen Erfahrungen mit Ameisensäure berichten da ich nirgendwo gute Informationen darüber gefunden habe. Der Behälter sollte auf jeden Fall aus Plastik bzw. Kunststoff sein. Wichtig der Leitsatz beim Verdünnen: Schütte niemals Wasser in die Säure sonst passiert das ungeheure (Also immer umgekehrt).  Die günstigste Ameisensäure nach meinen Recherchen bekommst du im Internet unter (Google) Bienen Ruck Imkereibedarf. 5 Liter 85% Ameisensäure kosten hier ca. 17 Euro+Versand dazu gibts gleich einen guten Eimer der bestens fürs präparieren geeignet ist. Vielleicht gibts auch noch günstigeree Anbieter. Faustformel fürs mischen: Menge die du benötigst mal das Mischungsverhältnis geteilt durch die Prozent der Säure. zB. du willst 1 Liter 10%Säure mischen: also 1000ml x 10 geteilt durch 85= 117ml. Dann bräuchtest du 117ml Säure und 883 ml Wasser. Bei 5 % iger Säure ca. 58ml Säure und 942 ml Wasser. Bei der Präparation selbst musst du versuche machen ich hab die besten Ergebnisse mit 5-8 % iger Säure gemacht. Einfach den Rohling in die Säure tauchen und so lange darin lassen bis keinerlei Reaktion mehr festzustellen ist (kann gut 24-36 Stunden dauern). Danach Fossil wieder rausnehmen und gründlich mit Wasser reinigen evtl mit Zahnbürste. Fossil begutachten und die gleiche Prozedur mit frischer Säure wieder von vorne so oft bis die gewünschte freilegung erreicht ist. Mit 5 Litern kommst du sehr lange aus da sie stark verdünnt wird. Un´d immer daran denken stärkere Säure ist nicht besser (zuviel Risiko das evtl auch das Fossil beschädigt wird). Bereits freigelegte Stellen können auch mit Schellack(Nach vorheriger Trocknung)  oder evtl auch anderen wieder entfernbaren Lacken eingelassen werden um sie vor weiterer Säurebehandlungen zu schützen. Nach kompletter Präparierung lasse ich die Fossilien noch mindestens 2-3 Tage in frischen Wasser liegen damit auch letzte Reste der Säure neutralisiert sind. Wie gesagt das sind alles meine Erfahrungen, vielleich´t gibst auch noch bessere Techniken.

Schöne Grüße aus dem Lias von Altdorf

Tarantino111
 

Profipräp:
Hallo Tarantino,
Du hast natürlich recht, mit Ameisensäure kriegt man die Knochen mindestens doppelt so schnell raus, wie mit Essigsäure. In der Verdünnung 5-8% liegt auch keine gesundheitliche Gefahr. Allerdings aufpassen, dass beim runterverdünnen der 85%igen Ameisensäure Schutzbrille, Schutzhandschuhe getragen werden. Wo es gefährlich werden kann sind Zähne: die Ameisensäure löst nach gewisser Zeit exponentiell schnell Calciumphosphat auf = Bestandteil von Zähnen und auch von Knochen. Deshalb nie länger als 8 Stunden in der Säure drin lassen, sonst ist der Zahnschmelz weg oder der Knochen wird zu brüchig. Also nie über Nacht drin lassen, zwischendurch immer kontrollieren, sonst passieren  wirklich Schlimme Ätzspuren und sogar Verfärbungen oder es zerbröselt alles. Nach der Säureeinwirkung 4x so lange wässern, wie das Fossil in der Säure drin war, trocknen lassen und freigelegte Teile mit Schutzlack versehen. Als Schutzlack eignet sich Pioloform oder Mowital B 60 H (beides Polyvinylbutyral) oder Paraloid (kremer-pigmente.com) oder Osteofix (Bauer = www.taxidermy.ch). Schellack ist  ungeeignet,zumindest als Dauerschutz, weil er stark vergilbt und versprödet und nachvernetzt = Schrumpfeffekt. Danach wird weitergeäzt bis der Knochen/Zahn freigelegt ist. Was das Rauslösen von Calciumphosphat aus dem Knochen etwas bremsen kann ist der Zusatz von pulverförmigem Calciumphosphat(mindestens 1TL = 10g/l Lösung bei 5%iger Säure. Bitte Pulver erst in Lösung geben und dann das Fossil rein). Am Schluss wieder 4x so lange wässern wie das Fossil in der Säure drin war um alle Säurereste und die gebildeten Salze auszuschwemmen. Bei Essigsäure findet die Calziumphosphatlösung viel später statt (ca nach 38 Stunden) und ist für empfindliche Knöchelchen schonender, dafür dauert es mehr wie doppelt so lange.
Das wäre mein Kommentar zur Ameisensäurepräparation von Knochen/Zähnen.
Gruß
profipräp

Profipräp:
Hallo Tarantino,
hier noch Literatur zur Wirbeltierpräparation:
Patrick Leiggi, Peter May. "Vertebrate Paleontological Techniques" volume 1; Cambridge University Press 1994 ISBN 0-521-44357-1
Im Antiquariat eventuell noch: B. Kummel, D. Raup: "Handbook of Paleontological Techniques", W.H. Freeman and Company San Franzisco 1965; Library of Congress Catalog Card Number 64-7537
A.E. rixon: "Fossil Animal Remains; their preparation and conservation" The Athlone press of the University of London 1976 ISBN 0-485-12028-3

Gruß
profipräp

Tarantino111:
Hallo Profipräp,

Vielen Dank für deine Super Infos. Ein paar Sachen würden mich jetzt noch interessieren.
Sind die von dir angegebenen Lacke wieder entfernbar? Da ich bei der Endpräparation die Knochen immer mit Fluat (Rember) einlasse und danach erst einen Schutzlack aufbringe (Aceton-Schellack-Zapon-Mischung). Mit Essigssäure habe ich keinerlei Erfahrung würde mich aber sehr interessiereen. Wo bekomme ich sie? Wie stark muß sie sein?
Andere Frage noch. Hast du schon mal mit stärkerer Ameisensäure präpariert? Wenn ja was sind die Vorteile bzw Nachteile? Setzt du nach 8 Stunden wieder eine frische Säure an oder benutzt du sie noch ein weiteres mal? Ich möchte demnächst eine riesige Wirbelplatte aus Berg präparieren (ca. 80x80cm). Die Platte ist mit zig Wirbeln(bis 16cm Durchmesser), Knochen ua übersäht. Viele der Knochen und Wirbel werden aber auch erst weiter in der Platte zum Vorschein kommen. Ist eine Präparation einer solchen Platte mit Säuren sinnvoll?
Viele Grüße aus Berg

Tarantino

Profipräp:
Hallo Tarantino,
Ja, die von mir verwendeten Lacke sind alle wieder entfernbar mit Spiritus (dauert aber lang) oder mit Aceton (nehm ich, weil es schneller geht). Du kannst diese Lacke aber auch super als endlackierung nehmen, weil sie so gut wie nicht vergilben, nicht schrumpfen, gut festigen und auch in der Restauration schon lange erfolgreich angewendet werden. Wie gesagt würde ich an Deiner Stelle lieber auf Schellack verzichten (Schrumpf) und auch Zaponlack ist nicht unproblematisch: alle Nitrozelluloselacke, wozu Zaponlack gehört versprödet, vergilbt und altert und gibt im Laufe der Jahre sogar Säuren frei! Wenn also Pyritisierung vorliegt voll ungeeignet und für brüchige fossilien ungeeignet. Fluate sind extrem gesundheitsschädlich und zersetzen Metalle. Also Finger weg davon. Von Rember gibt es aber  auch geeignete Sachen wie z.B. Rembertin-S, ein Silikonimprägniermittel, das sich z.B. hervorragend für Schiefer eignet, weil dieser dann ein dauerhaft bergfeuchtes Aussehen (schwarz) bekommt. Um Kontraste nicht verloren gehen zu lassen, die Knochen/Fossilien aber mit Lack einlassen (siehe meine empfohlene Liste Polyvinylbutyral oder Polymethacrylate wie Acryloid B 72, Paraloid B 67 oder B 72 oder Osteofix)). Andere Farbtonvertiefer, die geeignet sind sind z.B. Lithofin MN (Lithofin-Stingel-chemie) und HMK  S 35 matt (Möller-chemie).
Nun zurück zur Ameisensäure: Nicht empfehlenswert in höheren Konzentrationen, weil dann die Phosphatlösung und die Verfärbungen noch extremer werden. Du kannnst die alte Lösung nochmal nehmen (die ist ja dann schon gepuffert) und sie mit etwas frischer Säurelösung wieder aktivieren.
Wenn in deiner großen Platte die Knochen drin bleiben sollen, wirds komplizierter: Du mußt die Plattenränder und die Rückseite gut isolieren, sonst ätzt du sie mit weg. Das geht auch mit Wachs, ist nur hinterher ne Sauerei zum entfernen, geht aber (Heißes Wasser oder Heißluftfön). Sonst gibt es da kein Problem. vorgehensweise wie üblich.
Essigsäure kriege ich im Chemikalienhandel, Du kannst aber auch Essigessenz nehmen und die verdünnen (Haushaltsprodukt). Verarbeitung und Konzentration genau wie bei Ameisensäure, nur langsamer (kann man 38-42 Stunden drinlassen) und schonender. auf keinen Fall darf Essigsäure mit Ameisensäure gemischt werden, weil sich dann die Knochen gleich in Wohlgefallen auflösen. Also bei einer Säure bleiben, oder dazwischen sehr gut wässern!

So, das müsste vorerst genügen. Wenn du noch weitere Fragen hast, nur zu.

Gruß
Profipräp

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