Dieser Beitrag soll helfen, einen weit verbreiteten Irrtum aufzuklären, der sich auch hier im Mineralienatlas wiederfindet und dazu beitragen, Fehlbestimmungen zu vermeiden bzw. zu korrigieren.
Bekanntlich erwies sich "Heteromorphit" aus Wolfsberg (wenigstens teilweise) als Dadsonit, was der Jost-Christian-Zeche über hundert Jahre nach deren Schließung den Ruhm einbrachte, Typlokalität für Dadsonit zu sein. Berühmt sind auch prachtvolle "Heteromorphit"-Stufen aus Pribram, dort und in vielen anderen Museen zu bewundern.
Andererseits ist den mineralogischen Daten für Heteromorphit zu entnehmen, dass er der Plagionit-Gruppe zusammen mit diesem sowie Fülöppit und Semseyit angehört, welche allesamt keine nadeligen oder sogar haarförmigen Kristalle bilden. Auf der Seite von mindat.org (
http://www.mindat.org/min-1886.html) steht sogar explizit "Not a feather ore!!!" (Kein Federerz!!!). Weiter findet sich dort die Anmerkung dass Federerze (Jamesonit, Boulangerit usw.) oft fälschlich als Heteromorphit deklariert sind, sowie eine Diskussion zu Heteromorphit:
http://www.mindat.org/forum.php?read,7,158675,158759#msg-158759Hieraus resultiert ein offensichtlicher Widerspruch (Dadsonit zählt unzweifelhaft zu den Federerzen!) der Anlass war, in der Originalveröffentlichung nachzulesen: "Beiträge zur Kenntnis von Mineralien des Harzes; von C. Zincken & C. Rammelsberg", erschienen in Poggendorffs Annalen der Physik und Chemie Band 77 von 1849 auf Seite 240 ff.
Download des gesamten Bandes als PDF oder online zu lesen ist hier möglich:
http://books.google.de/books/download/Annalen_der_Physik_und_Chemie.pdf?id=NgsAAAAAMAAJ&hl=de&capid=AFLRE72zjlsl4-j98ozXQr1-aNixl23buyN_gFnfHew8JxgHDQMGrJa3kIoB8tJyd2guL10Njl96prWM1Cosdd4A84EVCaYnGg&Während man in früheren Zeiten davon ausging, dass die Bleispießglanze Spielarten vom Antimonit seien, unterschieden die Autoren bereits sehr genau zwischen ZINCKENIT, BOULANGERIT, PLAGIONIT, JAMESONIT und FEDERERZ. Der Begriff "Federerz" wird von den Autoren nicht, wie heute üblich, als Sammelbezeichnung für die faserigen Bleispießglanze verwendet, sondern bezeichnet eine ganz bestimmte Mineralart, die Blei und Antimon im Verhältnis 1:1 enthält, was erstaunlich genau dem DADSONIT (23:25) entspricht. Der dieser war also bereits damals als Mineral unter der Bezeichnung FEDERERZ bekannt.
Die Entdeckung weiteren, dichten Materials mit der (vermeintlich) identischen Zusammensetzung (Pb:Sb ~ 1:1) führte zu der Annahme, dass die selbe chemische Verbindung in zwei verschiedenen Formen auftritt: faserig, wie bisher als Federerz bekannt und dicht ("amorph"), wie nun entdeckt. Daher auch der Name: Heteromorphit bedeutet "anders geformt".
In der Originalveröffentlichung heißt es:
"... Aber der Name Federerz, welcher sich bloß auf eine besondere Varietät bezieht, kann hiernach nicht mehr für die Gattung bleiben; wir haben sie daher Heteromorphit genannt, und bezeichnen das bisherige Federerz als haarförmigen, die neue Varietät aber als dichten Heteromorphit."
Dieser entscheidende Satz führte zu der bis heute andauernden Verwirrung. Denn die Autoren konnten nicht ahnen, dass es sich nicht um zwei Varietäten des gleichen Minerals sondern um zwei verschiedene Minerale handelte, die nun beide als Heteromorphit bezeichnet wurden und nur durch das vorangestellte Adjektiv "haarförmig" bzw. "dicht" unterschieden wurden.
Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im Jahr 1849 kam der wirkliche ("dichte") Heteromorphit in Wolfsberg nur derb vor. Da die Grube bereits 12 Jahre später (1861) geschlossen wurde, kann bezweifelt werden, dass von Wolfsberg überhaupt Heteromorphit-KRISTALLE bekannt geworden sind.
Über die Eigenschaften schrieben die Autoren:
"Härte etwas größer als die des Kalkspaths (3,1). Spec.Gew.= 5,6788 (R.). Structur amorph.; Bruch feinkörnig ins Ebene; in sehr derben Stücken Neigung zu schiefriger Absonderung. Farbe bleigrau, Strich stark metallisch glänzend; mit Spiegeln und gerieften Rutschflächen vorkommend. Krystalle von mehr oder weniger zersetztem Braunkalk, oder auch nur Abdrücke derselben kommen darin vor."
Später wurde auch bei Arnsberg ein Erz mit gleicher Zusammensetzung entdeckt, das hier jedoch auch Kristalle bildete und als Heteromorphit benannt wurde. Hierbei handelt es sich um den Heteromorphit im heutigen Sinne, weshalb Arnsberg als Typlokalität gilt.
Ob es sich bei dem von Zincken und Rammelsberg aus Wolfsberg beschriebenen "dichten Heteromorphit" tatsächlich um dieses Mineral oder lediglich um derben Dadsonit handelte, bleibt unklar. Die in der Veröffentlichung zu findende Bemerkung, dass zwischen dem haarförmigen und dem dichten Erz "nachweisbare Übergänge stattfinden", spricht für das letztere. Andererseits könnte die Beschreibung auch auf ein Derberz aus der Plagionit-Gruppe zutreffen.
Der Hinweis auf den "stark metallisch glänzenden Strich" sollte Beachtung verdienen und könnte helfen, diese Frage zu klären, falls solches Material mit heutigen Methoden (XRD) analysiert würde.
Dennoch ist das Vorkommen von Heteromorphit in Wolfsberg gesichert: Er konnte in neuerer Zeit auf einer Plagionit-Stufe in Verwachsung mit jenem nachgewiesen werden.
Weitere umfangreiche Details und Literaturhinweise zu diesem Thema sind auf der Website von Thomas Witzke zu finden:
http://tw.strahlen.org/typloc/heteromorphit.htmlWahrscheinlich gehören auch historische Stufen von Heteromorphit (nicht nur aus Wolfsberg) zu den extremen Seltenheiten, da bis zur Entdeckung des Dadsonits (mehr als 100 Jahre !) die Annahme galt, dass es eine haarförmige UND eine derbe Varietät des Heteromorphits gäbe. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass die attraktive haarförmige Varietät als Sammlungsobjekt weitaus mehr Beachtung fand als die dichte bzw. unscheinbar kristallisierte Abart des vermeintlich gleichen Erzes.
Abschließend noch einige aus der oben erwähnten Diskussion entnommene Hinweise:
Die Analyse von vielen "nadeligen Heteromorphiten" aus Pribram, deutschen und rumänischen Fundorten ergab in fast allen Fällen Boulangerit (Pribram !), einmal Jamesonit und einmal Dadsonit (von Wolfsberg, wen wundert's!).
Die Kristalle des "echten" Heteromorphits werden als blockig, langgezogene Pyramiden, dem Arsenkies ähnlich, beschrieben - und sehr klein.
Fazit: Der nadelige Heteromorphit ist keiner !!!