Hallo Markus,
Wer entscheidet bei der Paläontologie, was neu ist, bzw. welcher Name aktuell gültig ist?Für die Paläontologie gibt es keine Extrawurst. Es gelten die gleichen Regeln wie für jeden biologischen Namen. Der gleiche Code (ICZN und ICBN..der heisst neuerdings etwas anders aber egal) und es wachen die gleichen Instanzen: International Comission on Zoological Nomenclatur (seit 1972) und die International Assoziation on Plant Taxonomy (seit 1950) die nur auf einem, alle paar Jahre stattfindenden, Kongress (IBC) Beschlüsse fassen kann.
Wobei es bei den Botanikern etwas "demokratischer" zugeht als bei den Zoologen.
Die Species sind ja oft weniger strittig. Aber natürlich ist so ein vierdimensionales Gebilde, das sich auch noch verändert, schwerer zu fassen als ein klar definiertes (vorhersagbares!) Mineral. Bei höheren Taxa wird es natürlich immer wieder unterschiedliche Auffassungen geben. Das liegt ganz einfach daran, dass es in der Natur keine "Gattungen", "Familien" oder "Ordnungen" gibt! Das sind künstliche "Schubladen" - aufgestellt um eine hierarchische Systematik zu ermöglichen. In der Paläontologie, wo wir es oft mit "Stammgruppenvertretern" zu tun haben, ist die Abgrenzung der einen gegen die andere Schublade besonders tricky. Da hilft die Kladistik weiter, wenn (und da lauert das nächste Problem) möglicht viele Merkmale möglichst gut erhalten (und damit sicher bekannt) sind. Genau daran haperts aber oft!

Welche "Schublade" die gültige ist - darüber entscheidet letztlich die Wissenschaftsgemeinde durch Gebrauch und Nichtgebrauch.
In der Paläobotanik existieren manchmal zwei (oder sogar mehr!) taxonomische Systeme parallel nebeneinander. Das ist erhaltungsbedingt oft sogar erforderlich. Denk nur an Calamiten in Marksteinkern/Abdruck-Erhaltung und verkieselt (Strukturerhaltung). Und diese Taxonomien sind nicht deckungsgleich!
Arthropitys bistriata fällt in Abdruck-Erhaltung wohl unter
Calamites undulatus. Andere
Arthropitys-Arten aber vermutlich nicht. Gut möglich das einige
Calamitea-Arten auch
undulatus-Abdrücke hinterlassen.
Das Pflanzenfossilien mehrere Namen haben können ist vollig normal. Schon weil die einzelnen Teile notwendigerweise eigene Namen bekommen. Oft lange bevor man ihren Zusammenhang kennt!
Das Laub
Annularia spinulosa (die frühere
stellata), die Sporophyll-Ähre
Calamostachys tuberculata und die Stammabdrücke
Calamites multiramis (die in Strukturerhaltung aber
Calamitea heißen!) sind Teile der gleichen Pflanze.
Vier valide Namen - aber nur eine natürliche Species! ..es sind sogar noch mehr - ich habe ihre Sporen vergessen!

Reicht Dir das erstmal als Antwort?
Kann im schlimmsten Fall "jeder" irgendwas veröffentlichen und das ist dann gültig?Nein natürlich nicht. Was gültig publiziert ist, regelt der Code bis ins Allerkleinste.
Selbstverständlich gibt es in der Welt der Paläontologie auch Scharlatane. Warum sollte das anders sein als im richtigen Leben?

Einer sitzt z.B. in Tirol, schreibt dicke Bücher in denen er seine "wissenschaftlichen" Arbeiten zitiert. Die kann man runterladen und die sehen wie echte paper aus, sind aber im Eigenverlag herausgegeben und enthalten jede Menge bullshit.
Neulich hat er mit einem Co-Autoren/Privatsammler eine Rotliegendflora beschrieben und 10 neue Arten aufgestellt - allesamt unberechtigt. Bsp:
Bei
Odontopteris lingulata reißen Fiedern oft so ab, dass die basalen Fiederchen dranbleiben. Die deutet er wegen der schlechten Erhaltung (keine Nervatur sichtbar) als Peltaspermaceen-Fruktifikationen, dann vermengt er die
lingulata noch mit
Autunia-Fiedern. Malt zu der Chimäre eine bunte Reko und benennt die so kreierte "neue Peltaspermacee" mit einer neuen Gattung - die ich hier, weil ungültig, gar nicht erst nennen werde.

..braucht sich gar nicht erst verbreiten. Die anderen 9 Fälle liegen ähnlich.
Dann bastelt er, mit abwegigen Argumenten, noch eine absurde stratigraphische Einstufung zusammen. Fertig ist die sensationelle Arbeit über eine Rotliegendflora im Oberkarbon. Laien haben es aber schwer das zu durchschauen!

Es gibt auch noch einen anderen Typus von Scharlatanen der keine messbaren Erfolge á la "ich habe schon über 100 Arten benannt" braucht. Zu diesem zählt z.B. der allseits bekannte Dave Peters (
www.reptileevolution.com). Mit einer geheimnisvollen Bildbearbeitungsmethode (deren Funktionsweise er niemandem erklären kann!) analysiert er die Fotos in wissenschaftl. papers und sieht darauf jede Menge Dinge die die Wissenschaftler angeblich übersehen haben. Den Hinweis, dass die Linien auf den Fotos die er zu fantasievollen Anhängen an Pterosauriern macht, nur Präparationsspuren sind ignoriert er einfach. Die Originale hat er nie gesehen. Dann stuft er Taxa willkürlich um. Bei einem neu beschriebenen Pelycosaurier sieht er mit seiner Zaubermethode plötzlich eine zweite Schläfenöffnung - also stuft er es als Reptil ein und stellt es an eine völlig andere Stelle in seinem großen Stammbaum.
Dieser Stammbaum macht den Eindruck höchster wissenschaftlicher Präzision (mit einem Cladistik-Programm erstellt) ist aber einfach unwissenschaftlicher Blödsinn. Also bitte nicht übernehmen!

Wir leben im Zeitalter von "fake news" und die haben leider eine enorme Webpräsenz.

Die Wissenschaft hat einen "Sicherheitsmechanismus" - sie überprüft sich ständig neu, daher kann man solchen Auswüchsen gelassen entgegensehen - sie setzen sich nicht durch. Die echte Wissenschaft produziert aber auch genug "Wildwuchs" - oft durch Zwang, weil Forschungsgelder fließen und dann muss einfach etwas publiziert werden.
-----------weiter im Teil 2
Glück Auf!
Dein/Euer Stephan