(1)
Säuretest:Man sollte in solchen Fällen immer einen
Blindversuch durchführen, bei dem ein Tropfen Säure auf die Matrix
in der Nähe des fraglichen Minerals aufgebracht wird. Nur wenn die Matrix keine Reaktion zeigt, wird man den später durchzuführenden Test an dem zu untersuchenden Mineral überhaupt eindeutig interpretieren können. Wird eine Reaktion festgestellt,
(2)
Der Farbton: ...
... ist selten ein verlässliches Kriterium bei der Identifikation eines Minerals. Halbwegs sichere Vergleiche sind nur dann möglich, wenn erkennbare Kristalle von wenigstens einigen Millimetern Größe vorliegen. Bei massivem oder teilkristallinem Material und mikroskopischen Kristallen wird der Farbton durch weitere Faktoren beeinflusst:
- Oberflächenbeschaffenheit (Streuverluste)
- physikalische Beimengungen (Partikel aus der Matrix) oder Einschlüsse
- optische Schichtdicke (d.h. der Lichtweg durch das beobachtete Material unter dem jeweiligen Winkel): bei geringen Dicken (z.B. bei sehr kleinen Kristallen, die isoliert aufsitzen) ist das Lambert-Beer'sche Gesetz zumeist erfüllt; zwischen Farbton und Größe der Kristalle besteht dann ein physikalischer Zusammenhang.
- Farbe der Matrix (!)
u.a.
In unserem Fall muss außerdem die Treue der Farbwiedergabe (von den äußeren Bedingungen bei der Aufnahme über Postprocessing in Kamera und/oder Photoshop o.ä. bis hin zur Kalibrierung der Monitore) berücksichtigt werden. Der Umstand, dass das fragliche Mineral nicht tief blau ist, ist
kein belastbares Argument gegen Azurit.
(3)
Das Buch von Wittern ...
... ist mit Vorsicht zu genießen. Bei manchen Regionen wurde einfach schlecht recherchiert und der Inhalt einiger Publikationen wurde nicht richtig wiedergegeben. Das führte dazu, dass
- viele der angegebenen Typlokalitäten falsch sind (z.B. Freiberg, Sachsen; krasser Fehler z.B. auch beim Bieberit)
- bei manchen Fundstellen Mineralien in die Übersicht gerutscht sind, die zwar aus der näheren Umgebung, jedoch aus völlig unterschiedlichen Paragenesen stammen (z.B. Lüneburger Kalkberg: Pb-Zn-Erzparagenese im Salzstock

)
- bei mineralreichen, größeren Revieren die selteneren Sekundärmineralien auch schon 'mal für die falsche Grube genannt sind
u.v.m.
(4)
Die Mineralliste der Grube Henriette ...
... ist sicher nicht vollständig. Ein Blick auf die angegebenen Mineralien zeigt, dass zum einen eine typische Kupfersulfidparagenese (Abfolge Chalkopyrit -> Bornit -> Chalkosin) und zum anderen eine arsenatreiche Sekundärmineralparagenese vorliegt. Als Arsenlieferant kommt von den angegebenen Mineralien nur der Skutterudit in Frage. Die Gangart ist nicht klar - könnte Baryt, Quarz oder auch Carbonat sein.
Bei der Verwitterung auf der Halde ist auf jeden Fall Malachit zu erwarten (unweigerlich aus Chalkopyrit - Azurit tritt dabei weitaus weniger häufig auf), sowie eine Reihe von Kupfersulfaten (Sulfat aus Oxidation von Sulfid). Brochantit ist bereits aufgeführt, wahrscheinlich wird man daher bei sorgfältiger Suche auch Langit oder Woodwardit finden. Weitere Möglichkeiten (aber weniger wahrscheinlich, da weitaus seltener) sind Posnjakit, Wroewolfeit, Cyanotrichit, ... etc.).
Skutterudit kann ich mir hier als Hauptlieferanten von Arsen schlecht vorstellen; Tennantit wäre wahrscheinlicher (und würde auch zu der Kupfersulfidparagenese und zum Vorkommen von Tirolit gut passen). An zusätzlichen Arsenaten wären Erythrin und Skorodit (Begleiter der Pharmakosiderite) zu erwarten.
Bei der Zersetzung von Chalkopyrit wird Eisen abgeführt und schlägt sich in der Regel entweder als Oxid oder als Carbonat (könnte die Herkunft des Ankerits erklären) nieder; letztere wandeln sich leicht weiter um. Zur Liste der zu erwartenden Mineralien kommen damit noch Limonit, Goethit, Hämatit und Siderit hinzu.
Bei einer sehr gut untersuchten Fundstelle mit reichlich Literatur würde ich die Nichtverzeichnung von Azurit wahrscheinlich als ein zu berücksichtigendes Argument betrachten. Bei der Grube Henriette scheinen wir von einer gründlichen Bearbeitung aber eher nicht ausgehen zu können. Das kann auch damit zusammenhängen, dass sich bislang halt niemand so recht für die Blaukrustite interessiert hat ...