Fortsetzung Mücke über hydrothermale Mineralisation Harz und Sankt Andreasberg, zum allgemeinen Verständnis der Problemstellung
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"Herkunft der hydrothermalen Lösungen im Harz
Die vorangestellte Diskussion über hydrothermale Vererzungen, die in den 60er Jahren einsetzte, ist
auch für die Forschungen über die Harzer Gangvererzungen nicht ohne Einfluß geblieben. Während die
älteren Autoren, dem damaligen Kenntnisstand entsprechend, die Herkunft der Gangvererzungen mit
den granitischen Intrusionen in Verbindung brachten (klassische Hydrothermalhypothese = syngenetisches
Modell; Nebengestein und Vererzung sind gleich alt), rückt man heute immer mehr davon ab. Man
MÜCKE, A.: Die hydrothermale polymineralische (Ni-Co-Arsenide, Bleiglanz und Zinkblende) Gangvererzung 61
nimmt vielmehr an, daß Metalle und Sulfid einen unterschiedlichen Ursprung haben, getrennt transportiert
werden, und bei ihrer Vereinigung in den Abkühlungs- und Tektonik-bedingten Gangsystemen des
Harzer Granits und in dessen Kontaktbereich die Gangvererzungen hervorriefen (epigenetisches Modell;
Nebengestein und Vererzung sind unterschiedlichen Alters).
Die Forschungen über die Herkunft und die Altersstellung der Harzer Gangvererzungen sind immer
noch in vollem Gange und werden von einer größeren Arbeitsgruppe vieler deutscher Universitäten im
Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Schwerpunktprogrammes
durchgeführt. Erste Ergebnisse dazu liegen bereits vor (FRIEDRICH, 1990; LÜDERS & MÖLLER, 1992).
Paragenese und Mineralvergesellschaftung
Wie kaum andere Mineralien haben gerade die Sulfide zur Entwicklung des Begriffes Paragenese
beigetragen. Im Besonderen seien die beiden Erzreviere Harz und Erzgebirge genannt, in denen der
Bergbau schon vor Jahrhunderten einsetzte, und die Bergleute bestimmte Gesetzmäßigkeiten in der Verteilung
der Erzmineralien erkannten, die sie sich beim Abbau zunutze machten. Nicht zuletzt auch für
den Sammler ist die Kenntnis über Paragenesen sinnvoll einzusetzen (KORITNIG, 1951).
Lagerstätten zeigen weder eine homogene Verteilung der Mineralien, noch sind diese in der Lagerstätte
chaotisch angeordnet. In hydrothermalen Ganglagerstätten treten immer wieder gleiche Mineralien
in bestimmter Anordnung zueinander auf, und sofern diese gleichalt bzw. dem gleichen Bildungsprozeß
zuzuordnen sind, spricht man von einer Paragenese. Innerhalb einer Paragenese, die gewöhnlich aus
mehreren Mineralien besteht, aber auch monomineralisch sein kann, können keine oder kaum Verdrän-
gungen auftreten, da paragenetisch miteinander verknüpfte Mineralien nebeneinander weitgehend stabil
sind.
Durch tektonische Vorgänge oder abkühlungsbedingt treten entlang von Gangsystemen, in denen
sich hydrothermale Vererzungen abscheiden, Bewegungen auf, wodurch sich die Gänge erweitern können
und somit für Lösungen erneut Raum schaffen, die durch jüngere Mineralabscheidungen verfüllt
werden können. Fast immer werden in solchen Fällen Wechselwirkungen in der Weise beobachtet, daß
der Mineralinhalt der älteren Paragenese durch die Mineralien der nachfolgenden verdrängt oder umgestaltet
wird. Die Verdrängung bzw. Alteration ist meist unvollständig, so daß man durch genaue Beobachtung
den Ablauf der Vererzung gewöhnlich und bei einiger Erfahrung rekonstruieren kann. Das Öffnen
von Gangsystemen kann sich mehrfach wiederholen und zur Ausbildung mehrerer miteinander sich innig
durchdringender Paragenesen führen, die man insgesamt mit dem genetisch neutralen Begriff als Mineralvergesellschaftung
zusammenfaßt oder bei näherer Spezifizierung diese z. B. als hydrothermale Mineralvergesellschaftung
bezeichnet.
Die Erzvorkommen rund um den Andreasberg
Von den Gangrevieren des Mittelharzes haben die Erzvorkommen des Andreasberges eine besondere
Stellung (WILKE, 1952). Das liegt vor allem an dem Auftreten von Silber-, Kobalt- und Nickel-
Erzen, aber auch daran, daß Mineralien wie Schwerspat, Siderit, Hämatit und Pyrit (also weitgehend
Mineralien des Eisens), die sonst im Harz gewöhnliche Mineralien sind, hier kaum oder nicht auftreten.
Darüber hinaus wird deutlich, daß die bekannten Mineralvergesellschaftungen im Andreasberger Revier
gegenüber den übrigen meist monotonen Harzer Gängen mit vorwiegend Blei-Zink-Kupfer-Vererzungen
(SPERLING, 1967; KUSCHKA & FRANZKE, 1974) mineralogisch vielfältig sind. Diese Vielfalt, die WILKE
(1952) hervorhebt, wird auf sog. Telescoping zurückgeführt. Das bedeutet, daß sich hier verschiedene
Paragenesen infolge der geringen Tiefenlage nicht trennen konnten, analog einem ausziehbaren Fernrohr,
das zusammengeschoben ist.
Das Andreasberger Silberrevier, das am Rande des Brockenmassivs liegt (Abb. 1), weist 20 Gänge
auf, die vorwiegend im Quarzitschiefer auftreten. Neben den gewöhnlichen Mineralien wie Bleiglanz,
Zinkblende und Kupferkies sind vor allem Silbererze (z. B. ged. Silber, Dyskrasit, Rotgültigerz, Miargyrit,
Stephanit, Polybasit und Silberkiese) bekannt geworden. Aber auch Mineralien wie Arsenkies,
Löllingit, Safflorit, Rotnickelkies und Breithauptit sind neben vielen anderen Mineralien, die hier nicht
vollständig aufgezählt werden sollen, zu beobachten.
Von Mineralisationen der Grube „Roter Bär" wird im folgenden detailliert berichtet. Von dieser
Lokalität sind Urananreicherungen bekannt geworden, auf die bereits WILKE (1952) kurz eingeht. In der
gleichen Mineralvergesellschaftung kommen einige andere bisher für den Harz unbekannte Mineralien
vor. So wurde z. B. von NEUMANN & MÜCKE (1988) Karelianit, der später, ohne daß auf die Originalarbeit
eingegangen wird, von STEDINGK et al. (1990) nach eigenen Untersuchungen bestätigt wird. Wie im
Verlaufe der nachfolgenden Ausführungen gezeigt wird, kann das Auftreten von Karelianit, der damals
nur durch qualitative Mikrosondenanalyse von uns untersucht wurde, nicht bestätigt werden. Es bleibt
daher abzuwarten, inwieweit das von STEDINGK et al. (1990) bestimmte Mineral tatsächlich Karelianit ist.
Die hydrothermale Mineralvergesellschaftung von der Grube „Roter Bär": ;
Erzpetrographische und mikro-analytische Untersuchungen
Bei den Gangvererzungen handelt es sich bei makroskopischer Betrachung um rundliche, polymineralische,
zonar aufgebaute Sulfidaggregate (mit Durchmessern von 3-0,5 cm), die von Calcit umgeschlossen
sind (Abb. 2). Im Zentrum der rundlichen Körper erkennt man meist metallisch-glänzende, rötlichgelbe
Einschlüsse (= Rotnickelkies), die von einer breiten silberweißen und metallisch-glänzenden Zone
(Bleiglanz) umgeben sind. Ihr folgt ein dunkelbrauner Saum mit diamantartigem Glanz (Zinkblende),
der von Bleiglanz stark durchsetzt ist.
Im reflektierten Licht wird unter dem Erzmikroskop an polierten Oberflächen (Anschliffen) eine
Vielfalt an weiteren Mineralien beobachtet sowie Verdrängungen und Umbildungen.
Die ungewöhnlichsten Mineralien in der Vergesellschaftung bestehen aus nadeligen, Vanadiumreichen,
teilweise büschelartig angeordneten Kristallen (Abb. 3; sie wurden ursprünglich als Karalianit
bezeichnet), die von Thucholith und Pechblende begleitet werden. Diese Mineralien konzentrieren sich
in der äußeren Zone des rundlichen Aggregats (Abb. 2) und sind demzufolge vor allem im Bleiglanz,
aber auch in Zinkblende und Calcit eingeschlossen oder werden von diesen verdrängt und/oder umgebildet.
Während die seltene, Thorium-freie P e c h b l e n d e , die in winzigen rundlichen Körperchen
MÜCKE, A.: Die hydrothermale polymineralische (Ni-Co-Arsenide, Bleiglanz und Zinkblende)"
Aus Aufschluss 44, S.59-72, 10 Abb., Heidelberg, Januar/Februar 1993
Die hydrothermale polymineralische (Ni-Co-Arseide,
Bleiglanz und Zinkblende) Gangvererzung
mit oxidischen Vanadiummineralien, Thucholith und Pechblende
von der Grube Roter Bär, St. Andreasberg/Harz
Von Arno Mücke Herr Prof. Dr. S. KORITNIG zum 80. Geburtstag gewidmet.