Hallo Amir, richtig und falsch - überlapend JA - Nicht hierarchisch - NEIN.
Ein Baum kann perfekt 2-dimensional abgebildet werden. Keine Frucht hängt an 2 Zweigen und mehreren Ästen. Es muss keine Überschneidungen geben. Das System ist starr ohne Querverbindungen.
Da gebe ich dir Recht. Man kann den Baum perfekt 2-dimensional abbilden. Denn der Baum ist streng hierarchisch. Aber er ist nicht starr, man kann neue Zweige dran machen. Mineralarten werden in "Baumstrukturen" eingeordnet und es kommen immer wieder neue dazu. Und wenn man was neues lernt, dann passt man die Hierarchie an, ist ja sowieso nur künstlich.
Eine Varietät braucht oft Verbindungen zwischen den Ästen. Sie kann an mehreren Stellen eingehängt werden. Dies lässt sich in einem Baumsystem nicht abbilden.
Genau, denn der Baum ist streng hierarchisch. Wenn man irgendwie Eigenschaften für die Anordnung nach Belieben mischt, ist der Baum nur "aufgesetzt" (s.o. "weltfremd") und hat mit den Eigenschaften nichts zu tun. Da Varietäten nicht so wie Mineralien anhand einer definierten Menge von Eigenschaften definiert werden, sondern anhand beliebiger zusätzlicher Eigenschaften, kommt da kein hierarchisches System raus. Baum ist nicht, Hierarchie ist nicht.
Wir brauchen für die Querverbindungen eine weitere Dimension.
Kurz ein Beispiel: Einen roten Würfel kann ich unter rot und unter Würfel und unter geometrische Körper einsortieren. Wenn ich bei Würfel rein schaue sehe ich einen roten Würfel. Wenn ich bei rot rein schaue sehe ich auch einen roten Würfel und wenn ich bei geometrische Körper rein sehe habe ich auch einen roten Würfel. Alle Zurodnungen sind richtig und in einem Baumsystem nicht abzubilden.
Meine Rede, denn das ist nicht hierarchisch. "Würfel" ist "Rot" nicht über- oder untergeordnet. Also muss man parallele Zuordnungen machen. Baum geht nicht, wie du sagst. Würfelquarz und Eisenkiesel.
Nun zum Chalcedon: Dieser ist ein Quarz und ein Mogánit.
Nein.
Chalcedon bedeutet verschiedenes. Hinsichtlich der mineralogischen Zusammensetzung kann dieser sein
a) ein Quarz (der "Idealfall", bestimmend für alle wesentlichen Eigenschaften)
b) ein Quarz mit Moganit (Verbreitet für alles unter ca. 200 - 500 Mio. Jahren Alter, Verhältnis meist zwischen 5:1 bis 50:1)
c) ein Moganit mit Quarz (Rarität. Hier wäre ich vorsichtig, da ich noch keine polarisationsmikroskopische Aufnahme von Moganit gesehen habe - diese werden zur strukturellen Klassifikation der 3 (manche sagen 4) Chalcedon-Typen herangezogen (sic!))
d) ein Moganit (gibt's eigentlich nur auf dem Papier, 97% ist der Rekord, glaube ich)
Hänge ich ihn unter Quarz ist das richtig, er ist eine Varietät. Er ist aber auch eine Verietät von Mogánit.
Nehmen wir mal an, das wäre richtig...
Also hänge ich ihn dort ebenfalls ein. Achat könnte ich unter Chalcedon, Mogánit, Quarz einhängen. Ich kann also beliebig und ohne Kompromisse zuordnen.
Meine Rede. So macht man das, wenn man denkt, dass da mehrere Minerale drin sind. Völlig o.k.
Natürlich stiftet man mit einer Unterordnung unter Moganit ziemlich viel Verwirrung.
Aber was nicht geht, ist ein System, in denen sich Begriffe wie "Quarzin", "Wolkenachat", "Jaspis", "Chert" und "Onyx" in einem Baum (also hierarchisch) widerspruchsfrei unterbringen lassen.
Man kann das alles Chalcedon zuordnen, kein Problem.
Und dann alles erklären. Und wo es Sinn macht, Querverweise einbauen.
Das Problem tritt bei Mineralien und deren Varietäten eh nur sehr begrenzt und einfach auf. Eine wirkliche Hierarchie gilt es hier kaum abzubilden.
Mineralienarten werden anhand eines klar definierten Regelsatzes (Eigenschaften a, b, c, und zwar nur diese) definiert. Für die Klassifikation dieser Arten sind diverse hierarchische Systeme entwickelt worden (Dana, Strunz, etc.), die alle nebeneinander Bestand haben (echte verwandtschaftliche Beziehungen wie in der Biologie fehlen nämlich).
Dabei wichtig: Die Klassifikation von Mineralien hat ausschließenden Charakter. Das heißt, dass ein Halit per Definition kein Fluorit sein
darf. Es geht immer nur ein Name. Mehrere Mineralien in einem Kristall ist o.k., aber nicht "ineinander". Nur weil das so ist, kann man diese Systeme auch streng hierarchisch aufbauen.
Bei Varietäten ist das anders. Niemand schreibt einem vor, anhand der Eigenschaften a, b und c und sonst nix zu benennen. Es herrscht Anarchie, und wenn jemand so verrückt ist, zu versuchen, eine Hierarchie zu etablieren, dann kommt jemand mit einer neuen Varietät daher und alles ist kaputt.
Ein Rauchquarz darf nicht nur ein Szepterquarz sein, er darf auch zusätzlich ein Amethyst oder Citrin sein, das ist nicht per se verboten. Und für einen Festungsachat ist es wurscht, ob Quarzin drin ist oder nicht.
Es ist richtig, dass diese Hierarchien und Systeme alle künstlich sind und nicht auf einer "echten" Hierarchie der Mineralien beruhen. Sie sind v.a. bei den Minerlien dazu da, den Überblick zu behalten. Dagegen werden mit dem "Evolutionsbaum" in der Biologie Eigenschaften der Arten erklärt, der Baum ist zugleich Konsequenz und Bestätigung einer
Theorie.
Mein Gott, ist das alles langweilig...

Amir