Hallo,
ich habe in der Zwischenzeit die geochemischen Zusammenhänge mithilfe einer digitalen geowissenschaftlichen Fachplattform, den Publikationen von Jaap Beuker und meiner Cousine B. (Chemiestudentin) weiter “durchdrungen”.
Vielleicht könnt ihr euch denken, dass es mir bei den Fundplätzen mit so hohem Aufkommen von rotem Feuerstein auch um eine mögliche archäologische Interpretation ging.
Auch wenn es sich zunächst nur um vorläufige Erkenntnisse handelt, möchte ich sie hier veröffentlichen, ohne auf Richtigkeit zu bestehen und in der Hoffnung, dass mich jemand korrigieren mag:
Mir wurden in den letzten Monaten drei Hauptprozesse erläutert, die in der Literatur übereinstimmend genannt werden, wenn es um sekundäre und scheinbar primäre Rotverfärbungen von Feuerstein geht (z. B. Bodenprozesse mit Eisenoxiden, Redoxverhältnisse in Wechselfeuchtböden, spätglaziale Grundwasserzirkulation etc.).
Das hat mir sehr geholfen, meine eigenen Beobachtungen im Ammerland und in Ostfriesland besser einzuordnen.
Vielleicht hilft diese Auswertung auch anderen, die mit roten Feuersteinen konfrontiert sind.
Also…
Warum es rote Feuersteine auch außerhalb von Helgoland gibt:
Sekundäre Rotverfärbung von Feuerstein – welche Prozesse verursachen sie?
Eisenhaltige Bodenlösungen + Huminsäuren
Wenn Feuerstein über lange Zeiträume mit eisenhaltigem Grundwasser oder Bodenlösung in Kontakt steht – vor allem bei sauren pH-Werten, wie sie in Mooren oder humosen Böden vorkommen –, dann dringt Eisen in die Mikroporen des Silices ein.
Je nach Oxidationsstufe des Eisens färbt sich der Stein:
Fe²⁺ (reduziert) → kaum sichtbar, eher grünlich/bläulich
Fe³⁺ (oxidiert) → intensiv rötlich, bräunlich, gelblich
(Karminrot, Ziegelrot bis Braunrot – genau wie auf meinen Bildern hier im Beitrag)
Der Übergang kann dabei langsam und tiefgreifend erfolgen – über Jahrtausende.
Thermohydraulische Zirkulationen in glazial überprägten Sedimenten
In der späten Weichsel-Eiszeit gab es intensive Schmelzwasserbewegungen im Untergrund – oft verbunden mit Druckschwankungen und wechselnden Redoxbedingungen. Diese Prozesse:
-transportieren Eisen,
-bewirken lokale Konzentrierungen,
-sorgen für rote Überprägung – wie möglicherweise in meinen roten Feuersteinen.
Wenn das Wasser zirkuliert, kommt es nicht flächig, sondern lokal punktuell zur Anreicherung.
Verwitterungs- und Bodenbildungsprozesse nach der Eiszeit:
Nach dem Rückzug der Gletscher kamen die Feuersteine an die Oberfläche – z. B. durch:
-Frosthebung,
-Abschwemmung,
-Landwirtschaft in der Neuzeit.
An der Oberfläche unterliegen sie dann:
-Verwitterung (Sauerstoff, Wasser),
-Einwirkung organischer Stoffe (Humus, Pflanzenwurzeln),
-und Wechseln zwischen Sauerstoffüberschuss und Sauerstoffmangel, etwa in wechselfeuchten Böden.
Das führt zu weiterer Einlagerung von Eisenverbindungen, Oxidation, Verfestigung der Farbe – bis tief ins Innere.
Viele meiner hier vorgestellten Feuersteine weisen Windgloss auf.
Jaap Beuker erklärte mir, dass ein Helgoländer Feuerstein niemals Windgloss zeigt.
Windgloss + Rotfärbung = Beleg für einen sehr alten Sekundärprozessm
Der Windgloss zeigt:
Diese Steine lagen bereits rot verfärbt in der Tundra, ungeschützt, lange vor dem Holozän.
Die Rotfärbung ist also nicht jung, sondern spätestens spätglazial abgeschlossen.
Um auf die Feage zurückkommen, die mich bei Eröfgkung dieses Beitrages so sehr beschäftigt hat:
Wenn ein Feuerstein nun durchgehend rot ist – woher weiß man dann, ob das „primär“ oder „sekundär“ ist?
Zunächst:
Primär rot bedeutet:
Der Feuerstein ist bei seiner Entstehung (Diagenese) in der Kreidezeit rot geworden – das Eisen war schon im Sediment vorhanden, wurde im Gestein eingebaut, bevor es verfestigt wurde.
Sekundär rot bedeutet:
Der Feuerstein war ursprünglich grau, gelb, beige o. Ä., wurde aber lange nach seiner Entstehung durch äußere Prozesse rot verfärbt – zum Beispiel durch eisenhaltiges Wasser, Bodenprozesse oder Gletscherumlagerung.
Beide Varianten können vollständig durchgefärbt sein. Und unter dem Mikroskop sieht das oft verblüffend ähnlich aus.
Aber warum sehen sich primär und sekundär rot verfärbte Feuersteine im Dünnschliff so ähnlich?
Weil:
Beide enthalten Fe³⁺-Oxide (z. B. Hämatit oder Goethit), die für das Rot verantwortlich sind.
Diese Eisenoxide lagern sich in Mikroporen oder zwischen Silicakörnern ein.
Unter dem Mikroskop erscheinen sie als feine, rot schimmernde Partikel, die im Silicagel „schweben“.
Wenn das Eisen wirklich in jede Pore eingedrungen ist und über Jahrtausende stabil geblieben ist, kann das optisch tatsächlich wie ein primärer Helgoländer wirken!
Die Unterscheidung liegt nicht im „Wie sieht er innen aus?“ sondern im:
Wie sieht der Bruchverlauf aus? Die Oberfläche einer frischen Bruchfläche? Welche Fossilien enthält er? Welche Einschlüsse?
Denn selbst wenn das Eisen tief eingedrungen ist, bleibt die Genese sekundär, wenn:
– der ursprüngliche Feuerstein andersfarbig war,
– das Eisen später durch Wasser, Boden oder Druckprozesse eingetragen wurde,
– oder der Kontext eindeutig zeigt: kein Kreidegestein in der Nähe, kein Kontakt zu helgoländischem Primärvorkommen.
Diese Infos basieren auf mehreren geowissenschaftlichen Quellen – v. a. zur Sedimentpetrologie und Kreidezeit-Flintgenese.
Leider finde ich die Einzelnachweise gerade nicht alle wieder, aber die Zusammenfassung ist fachlich korrekt.
Abschließend eine persönliche Einschätzung zur Frage:
Was bedeuten diese Recherchen für archäologische Fragestellungen?
Vermutlich (!) hatten diese vielen roten Steine am Festland für Menschen der Steinzeit keine Bedeutung, denn:
Nur weil sie heute rot sind, waren sie das damals vielleicht noch nicht (Fe-Verwitterung braucht Zeit & Sauerstoff).
Einiges spricht einfach für eine lokale geologische Rotfärbungsstätte oder ein besonderes Substrat, das diese Steine entweder konzentriert eingebettet hat oder über Jahrtausende aus tieferen Schichten emporgearbeitet wurde (Frost, Pflug, Erosion?).
So viele rote Feuersteine an einem Ort – das ist nicht „Verlust“ oder “Zurücklassen” von Tauschgut, das extra aus Helgoland herangeschafft wurde - es ist Ablagerung.
Und zwar entweder natürlich oder bewusst (Kult- oder Begräbnisplätze) aber nicht zufällig.
Niemand – wirklich niemand – verliert tausende oder zigtausende rot leuchtende Steine auf einem Fleck. Auch nicht über Generationen hinweg.
Das ist kein „Zufallsfundspektrum“, wie es bei normalen Rastplätzen, “Schleifplätzen” oder Tauschorten zu erwarten wäre.