Hallo,
ich denke, einen wichtigen Punkt haben wir noch nicht angesprochen:
Die meisten Leute, die auf eine Börse kommen, sind keine Sach- oder gar Fachkundige, sondern Leute, die dahin gehen, weil da etwas los ist und ggf. einen bunten Stein kaufen möchten. Hinzu kommen die, die meinen, dort billige Steine zu bekommen, aber nicht unbedingt als Mineraliensammler zu bezeichnen sind.
Diesen Leuten ist es egal, ob der gezeigte Stein von selber so schimmert oder ob er geölt wurde, die Hauptsache, er macht sich im Setzkasten oder auf dem Kaminsims gut und passt zur Tapete. Diesen Leuten ist es auch egal, ob eine angebliche Stufe montiert ist oder nicht, diesen Leuten ist es egal, ob der Teller aus Fossilien nun einen geschliffenen Originalfundzusammenhang darstellt oder ob er von 4629 Standorten gemischt wurde. Die wollen dekorative Dinge billig kaufen oder auch nur ein "nettes Andenken".
Hier ist auch jedes Etikett vergebliche Liebesmüh, denn ob der Stein nun Fluorid heisst und aus England kommt (von der Groverake Mine und Weardale haben sie eh noch nichts gehört) oder als Kyanith aus China oder als Mafait aus Bayern bezeichnet wird. Die Hauptsache ist, daß er sich mit dem Schnitzengel aus Seiffen und der Schneekugel vom Kölner Dom versteht.
Hier sind Mineralien und Fossilien Dekorationsartikel, da stört es nicht weiter, wenn sie eingefärbt, bestrahlt, geölt oder montiert sind, es ist kein Mangel in der gewünschten Funktion, so lange die dekorativen Eigenschaften sich mit der Zeit nicht verändern.
Die zweite Gruppe ist auf Börsen, weil ein bestimmter "Lehrer" oder ein "Lehrbuch" ihnen sagt, daß gewisse Steine gewisse Eigenschaften haben und sie mit diesen eine bestimmte Veränderung an Körper und Geist erzielen möchten. Hier ist das Hauptkriterium der Name und daß die Kunden glauben möchten, daß sie wirken.
Anders ist das, wenn jemand sachkundiges etwas für seine Sammlung sucht. Dann gehts meist nicht nur um "das ist aber schön", sondern um ein ganz bestimmtes Mineral, die Kristallform, Herkunft usw. Das brauch ich ja hier nicht zu erzählen, das ist ja bekannt. Hier ist Dekorativität nur ein Teil der gewünschten Eigenschaften, hier gehts um "mehr". (Ich setze das in Anführungszeichen, denn das Ziel ist genauso ernsthaft wie das, ein Dekostück zu kaufen) Die Ansprüche an das Objekt werden größer. Es muß das richtige Mineral in der richtigen Morphose vom richtigen Standort sein, die Stufe sollte das Mineral gut zur Geltung bringen und nicht zu groß oder nicht zu klein sein. Die Herkunft und ggf. Vorbesitzer müssen gut dokumentiert sein und das Ganze sollte als naturwissenschaftliches Belegstück in einem natürlichen bzw. naturnahen Zustand sein, mit anderen Worten: Außer Reinigung und Formatierung darf keine weitere Bearbeitung stattgefunden haben, wenn man von der Fixierung von empfindlichen Mineralien absieht.
Diese Anforderungen sind höher und viele Mineralproben können ihn nicht erfüllen, sind also aufgrund verschiedener Mängel für einen Fachkäufer nicht attraktiv.
Die Zahl dieser Kunden ist vergleichsweise gering, die Zahl der Mineralien, die auf der Börse gekauft werden, genauso. Häufig gibt es Händler, die auf diese Kunden spezialisiert sind, so daß sie bei anderen Händlern kaum in Erscheinung treten.
Diese drei Gruppen haben nur in wenigen Berührungspunkten gemeinsame Interessen, die Qualität der Mineralien ist nur bedingt eine dieser Interessen. Der niedrige und -wie oft auf Börsen- verhandelbare Preis sind da eher im Interesse der Kunden. Das ist einer der Gründe, warum ein Kunde auf einer Börse grundsätzlich behaupten wird "das ist aber teuer", am besten ohne sich ein MM oder so näher anzusehen. Die wirkliche Kultur des Feilschens ist in Deutschland nicht beheimatet und die Art und Weise, auf die gefeilscht wird, ist oft nicht wirklich kultiviert, aber von beiden Seiten.
Generell habe ich, wenn ich auf eine Börse gehe, ein Budget, ein Ziel (z.B. ich möchte einen grünen Pyromorphit) und im Zweifelsfall die Frage nach der Visitenkarte. Wenn der Händler nicht allzu weit weg ist, kann man ihn nach der Börse auch noch besuchen. Wenn er zu weit weg ist oder keine Karte hat, geht mein Geld oft an jemand anderen.
Da, wo ich die Ware direkt sehen kann, bin ich noch nicht betrogen worden (glaube ich).
schöne Grüße
Tobias