Wann ist eigentlich alles so big, fantastisch und fanatisch geworden?
Hallo René
als einer der älteren Sammler in diesem Forum, der die internationale Sammelszene seit ca. 40 Jahren kennt, kann ich Dir vielleicht ein paar Antworten geben. Es gibt mannigfaltige Gründe:
Die Ära des "big, fantastic and fanatic" begann bereits Ende der 1970er Jahre. Es war die Zeit, in welcher
*einmal die Enkel der Gründer von Firmenimperien in den USA auf einmal über so irrsinnig viel Geld verfügten, dass sie nicht wussten, was sie damit anfangen sollen und, bedingt durch das Verkaufsgeschick mancher bekannter US-Dealer, neue Hobbies begannen, wozu auch das Mineraliensammeln gehörte.
*es in den 1970er bis Anfang / Mitte der 1980er Jahre in den USA sehr viele "new riches", das heißt, neue Reiche auftauchten, die mit neuen Ideen, besonders im Kommunikations-Hi-Com-Bereich Unsummen von Geld scheffelten ( à la Bill Gates) und sich neue Hobbies, wie das Mineraliensammeln, zulegten.
*gerade diese Interimsgeneration von Superreichen Enkeln und Neureichen mit ihren neuen Hobbies es so manchem US-Dealer ermöglichten, überproportionalen Gewinne zub erwirtschaften , welche diese wiederum geballt einsetzten, um sich Einkaufsmonopole in Märkten wie Pakistan, Peru, Marokko, gefolgt von China und Namibia zu schaffen, aber auch genügend Spielkapital beim Kauf alter wertvoller Sammlungen in Europa bereitstellte - Gelder, von denen manch europäischer Dealer nur träumen konnte.
Was passierte ?
Bedingt durch eine enorm hohe Nachfrage nach "only the best" specimen - und eine in den 1970er / 1980er Jahren "Hausse", d.h., fantastische Mineralfunde in Peru, Pakistan, Marokko, Namibia etc. entstand ein im Sinne des monetären Verständnisses "Bubble market" - ähnlich dem Immobilienmarkt, an welchem Japans Wirtschaft letztendlich zerbrach. Die Preise waren künstlich. Eine Pyritstufe - selbstverständlich sehr schöne Kristalle, Größe 5x7 cm, kostete bei manchen Dealern bis zu 20.ooo US$; ein Tsumeb-Dioptas von 5 cm bis zu 35.000 US$. (some dealer got mad in earning bucks).
Nun, ich könnte Dir da Stories erzählen, die haarsträubend sind, will aber nicht ausweiten. Was blieb, ist die Tatsache, dass die meinungsbildenden Dealer (the market opinion leaders) ihr hohes Niveau beibehalten haben und dass deren Beispiel auf sehr viele, bzw. die meisten der guten europäischen Dealer und Möchtegern-Dealer
abgefärbt hat. Gottseidank gibt es auf der anderen Seite eine Sammlerszene, auch in anderen europäischen Ländern und in den USA. Hier kostet auf Sammlerbörsen der spanische Aragonit , der bei den bekannten Dealern W(B/X/Y/Z für US$ 250.- oder € 150.- angeboten wird, eben nur € 5.- oder 7.-.
Seit ca. 1997 kamen die Chinesen auf die Szene. Clever und geschäftstüchtig wie sie sind, orientieren sich die Chinesen an US-Preisen und an Tucson. Was sie allerdings von den Amis unterscheidet ist, dass sie, wenn der Tag sich dem Ende nähert, bereit sind, die Preise von 100 auf 10 fallen zu lassen. Der Amerikaner macht das nicht, er packt sein Stück wieder ein und versuchts morgen in Denver oder Milano erbeut mit hohem Preis. Der Chinese lebt danach, dass der Spatz besser ist als die Taube auf dem Dach.
Seit Anfang des 21. Jh. gibt es einen Internet-Markt mit vielen Mitspielern. Dieser Markt ist unpersönlich, cool und "just buy and pay". Die größten Gewinne erzielen - wie mags auch anders sein - dieselben Dealer, die verantwortlich für den 70/80/90er Preisboom waren. Doch diese Dealer sind mittlerweile alt und es entstand eine neue, junge Generation von Mineralienhändlern, die das Internet nutzen, um sehr profitabel zu verkaufen. Auch hier boomt es. Gute Stufen sind schneller verkauft, als Du schaun kannst. Es scheint, als ob so mancher Sammler oder kaufende Kurator Angst hat, zu kurz zu kommen und , ohne wie auf Börsen gewohnt, andere Angebote zu prüfen, sofort zuschlägt, sobald das Angebot im web auftaucht. Mit diesem "zu kurz kommen" oder "ich war der Schnellere" oder "ich habe den und den überboten" hat der gewiefte Dealer ein tolles Manipulationsinstrument, um Geld zu scheffeln.
Nun, man kann das Thema ausweiten, es sollte aber bis hierher reichen. Die Sammler- und die Dealerszene (wenn überhaupt von sowas gesprochen werden kann) hat sich seit etwa Mitte der 1970er Jahre verändert. Die Top-End-Stufen sind seitdem in den USA gelandet, die 2. Wahl in Europa. Mit Ausnahmen, aber dann ueber Umwege und mit exorbitanten Preisaufschlaegen.
Es sind nicht die amerikanischen Sammler wie Du und ich, die die Preise und die Syene manipulieren. Es ist eine Gruppe von Auserwaehlten *

mit enormem Kaufpotential und eine Gruppe von Haendlern, die den Markt manipulieren.
Gruss
collector