Hallo zusammen,
nach zwei anstrengenden Tagen in München und einem Tag Ruhe daheim möchte ich nachfolgend auch ein paar Anmerkungen zu den Mineralientagen machen. Vereinzelt eingestreute Kraftausdrücke bitte ich jetzt schon zu entschuldigen:
Bei mir ist es in diesem Jahr ähnlich verlaufen, wie die Jahre zuvor auch. Erst mal gezielt zu den Ständen gegangen, von denen ich mir zumindest die minimale Möglichkeit versprach, etwas für meine Sammlung zu erhalten, dann die Sammlervitrinen und die Alpin-Stände bestaunt, schließlich überall mal herumgestromert und zum guten Schluss ein wenig Schmuck für die nächsten Geburtstage sowie Weihnachten gekauft und als krönenden Abschluss die Brasilien-Ausstellung genossen. Was gute Stücke für meine Sammlung betrifft, war ich zwar von Anfang an skeptisch, dass das Angebot an zumindest deutschen Stufen (Eifel und Siegerland hatte ich eh schon fast abgehakt) aber derart gering sein würde, hat mich dann aber doch arg enttäuscht. Zwar konnte ich zumindest ein paar hübsche Pyromorphite aus Mechernich an Land ziehen, von einer guten Auswahl konnte aber keine Rede sein. Um meinen Frust ein wenig zu mildern, entschloss ich mich dann, mir einen der Filme über die Montblanc-Strahler anzuschauen, und dann nahm das Grauen seinen Lauf:
Die Filme und Vorträge waren selbstverständlich sehr geschickt in genau der Halle platziert, die ich eigentlich ums Verrecken nicht betreten wollte und die mit dem inflationär gebrauchten Begriff "Wellness" überschrieben wurde. Grundsätzlich habe ich eigentlich gar nichts gegen dieses Angebot. Gegen eine entspannende Massage für gestresste Mineralientage-Besucherinnen und -Besucher kann man nun wirklich nichts sagen, und nörgelnde Ehefrauen, deren Verständnis für den fachsimpelnden Ehemann nach mehreren Stunden erlahmt, kann man prima dort abliefern. Was ich an diesen Ständen jedoch gesehen und erlebt habe, machte mich derart wütend, dass ich hätte kotzen können. Zwei Beispiele mögen genügen: An einem Stand wurden Phiolen mit Edelsteinen gegen jede Art menschlichen Unwohlseins angeboten. Sie werden in eine Karaffe mit Wasser gestellt und sollen dieses mit den ihren Schwingungen in wahre Zaubertränke verwandeln. Nach Art der Edelsteinzusammenstellung soll sich sogar der Geschmack des Wassers verändern. Nun gut, ich bin ein toleranter Mensch, reihte mich in die unfassbare große Schar der Interessenten ein, und bekam folgendes Verkaufsgespräch wörtlich mit:
Verkäuferin: "Oh, Sie haben sie für die Phiole "Darmträgkeit nach griechischem Essen" (irgendsowas in der Art) entschieden? Eine gute Wahl, die Sie zu einem anderen Menschen machen wird. Haben Sie denn auch eine Karaffe daheim?"
Käuferin: "Ja, ich habe so eine schöne von Leonardo".
Verkäuferin: "Von Leonardo? Ich will Sie ja nicht beunruhigen, aber ich habe schon von mehreren Fällen gehört, in denen gerade die Karaffen von Leonardo sich als nicht geeignet erwiesen haben. Die große Energie unserer Edelsteinzusammenstellungen kann dazu führen, dass diese Karaffen zerspringen."
Käuferin: "Tatsächlich? Ja dann nehme ich lieber eine von Ihnen."
Das ist KEIN Scherz. Ich habe mir dann eine andere Verkäuferin vorgeknöpft und sie gefragt, ob die hier noch alle bei Trost wären und welche wissenschaftliche Grundlage derartige Aussagen hätten. Ich wurde dann mit der Gegenfrage "Oh, Sie sind NOCH skeptisch?" und pseudowissenschaftlichem Geschwafel als Dummkopf abgetan. Meine Frau, die ebenfalls unangenehme Fragen stellte, wurde beiseite genommen, damit die kaufwillige Kundschaft das nicht mitbekam, und mit der Totschlagaussage "Sie sind offensichtlich noch nicht so weit." abgekanzelt.
Noch schlimmer war der Stand schräg gegenüber, an dem Aurasprays verkauft wurden. Man sollte eine Karte ziehen, der Fachverkäufer dichtete einem auf Grundlage des darauf befindlichen Motivs ein psychisches Problem an und versprach, dieses mit dem richtigen Spray zu lösen. Bei meiner Frau waren dies Schwierigkeiten mit ihren Eltern (wer, verdammt noch mal, hat die nicht?). Sie wurde daraufhin mit einem Spray eingenebelt, der ihr einen direkten Kontakt zum Erzengel Gabriel ermöglichen sollte. Seltsamerweise wurde weder mir noch anderen Männern, die gelegentlich an diesem Stand anzutreffen waren, das Angebot, eine Karte zu ziehen, unterbreitet. Ausschließlich Frauen im bevorzugt mittleren Alter kamen in den Genuss dieses fragwürdigen Angebots. Ist das die Zielgruppe?
Ich könnte nun noch einiges über die Pyramiden, die kosmische Energie ansaugen, oder Psychotherpieangebote mit Heilsteinunterstützung schreiben, will es aber bei diesen zwei Beispielen belassen. Was mich an all diesen Angeboten wirklich absolut erschüttert, ist, dass sie durch ihre Präsentation auf einer altehrwürdigen und angesehenen Mineralienmesse den Geruch des vermeintlich Seriösen erhalten. Dazu trägt auch bei, dass die Verkäuferinnen eben nicht mehr mit wallenden Gewändern und Holzketten auftreten, sondern im Stewardessen-Kostümchen der Schmuckabteilung im Kaufhof alle Ehre machen würden. Im Gegensatz zu den ausgelegten Flyern, in denen alles durchaus vorsichtig formuliert wird ("diese Pyramide KANN ihr Leben verändern, dieser Spray KANN sie mit Engeln in Kontakt kommen lassen"), laufen die Verkaufsgespräche dann völlig anders ab. Dabei wird nämlich keinesfalls von einer Möglichkeit gesprochen. Da heißt es plötzlich "diese Pyramide WIRD ihr Leben verändern, dieser Spray WIRD sie mit Engeln in Kontakt kommen lassen" etc. Zudem treten diese Schwachköpfe als adäquater Ersatz für studierte Ärzte oder Psychotherapeuten auf, die beispielsweise versprechen, ein Kindheitstrauma mit der Kraft der Steine (oder was auch immer) heilen zu können. Auch das habe ich wörtlich bei einer Frau, die als Jugendliche offensichtlich missbraucht worden ist, mitbekommen.
Nun kann man sich natürlich auf die Position zurückziehen, dass einen das alles nichts angeht, und dass sich jeder so gut verarschen lassen sollte, wie er kann. Dann sollte er das aber gefälligst auf einer Esoterikmesse, bei seinem Hausschamanen oder bei dem Kräuterweiblein um die Ecke und nicht bei den Mineralientagen tun. Es ist mir ein abolutes Rätsel, wie sich die Organisatoren dieser Messe vor einen solchen Karren spannen lassen können. Wahrscheinlich sitzen sie zu hause unter ihrer Pyramide, vollgesogen von kosmischer Energie, umwabert von Gabriel-Spray, schlürfen an ihrem Edelsteinwasser "Provit bis zum Abwinken" und können die ganze Aufregung nicht verstehen. Von daher wird sich sicherlich in den nächsten Jahren bis auf eine klitzekleine Kleinigkeit nichts ändern: Ich werde nicht mehr dabei sein, aber dafür hunderte weitere Esoterik-Jüngerinnen und Jünger, die München zu ihrem Mekka erklären.
Ein nach wie vor fassungsloser Carsten.